3. Advent (Oßling)

3. Advent (Oßling)

Röm 15, 4-13                                                3. Advent – Großgrabe/Oßling, am 17.12.2017

 

„Was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben. Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gemäß, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unsers Herrn Jesus Christus. Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Juden geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind; die Heiden aber sollen Gott loben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht (Psalm 18,50): Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen. Und wiederrum heißt es (5Mo 32,43): Freuet euch, ihr Heiden, mit seinem Volk! Und wiederum (Psalm 117,1) Lobet den Herrn, alle Heiden, preiset ihn, alle Völker! Und wiederum spricht Jesaja (Jes 11,10): Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais und wird aufstehen, um zu herrschen über die Heiden; auf den werden die Heiden hoffen. Der Gott  der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.“

 Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Gemeinde am 3. Advent! Es war 2002 in Brasilien. Viele Stunden waren wir mit einem kleinen Boot den Amazonas hinaufgefahren, immer tiefer in den Regenwald hinein. Am frühen Nachmittag fanden wir das winzige Dorf, ca. 60-70 Einwohner. Da standen wir nun und schauten uns etwas ratlos und unbeholfen an. Ich fühlte und sah, wie vollkommen verschieden wir waren, die Indianer des Amazonas und wir aus der westlichen Zivilisation. Welten und Kulturen prallten aufeinander. Scheu feierten wir miteinander Gottesdienst. Nach der Predigt standen einige Männer auf, umarmten mich und sagten: Bruder. Das Evangelium und der Name Jesus – das war die Brücke, wir hatten zueinander gefunden. Das meint wohl Paulus hier, wenn er ruft: „Nehmt einander an!“ Findet zueinander. Suche eine Brücke, baue eine, bau an einer mit. Da ist jeder gemeint. Verschiedenheit wird vorausgesetzt. Ausgangspunkt heißt: jeder ist anders. Das Ziel: versöhnte Vielfalt, nicht Gleichheit, sondern Gemeinschaft. Das Bild einer Brücke macht den Werdegang deutlich. Bei der Verbindung beider Ufer geht es nicht um Gleichmacherei, sondern um Zusammen-gehörigkeit. Brückenbauer schütten Gräben nicht zu, trocknen Flüsse nicht aus, sondern überwinden sie. Scheinbar, oberflächlich betrachtet, lassen sie alles beim Alten, und doch: ist eine Brücke fertig, ist alles anders. Da ist ein Weg, wo sonst keiner war. Einander annehmen heißt: den andern so belassen, aber einen Weg zu ihm finden. Noch etwas wird an der Brücke deutlich: Es ist Arbeit. Es ist mühsam einander anzunehmen und beglückend, wenn es gelingt. Um Entfremdung zu überwinden, braucht es verlässliche Mitstreiter und Beharrlichkeit. Beides gibt es. Unter uns sind Brückenbauer am Werk. Wenn ihr so etwas bemerkt, würdigt es, unterstützt ihr Mühen. Oft schon durften wir „Brückenerfahrungen“ machen, die erleichternde Erfahrung: ich bin doch hinüber gekommen, ans andere Ufer gelangt. Da war ein Steg aus Dunkelheit, ein wankendes Brücklein aus Krankheit, Einsamkeit. Da war ein Weg für mich aus Schuld heraus hinüber in die Vergebung. Ein Lächeln, ein Gespräch leise unter Tränen, ein Bibelwort, ein Gebet, eine Predigt, die Umarmung eines Kindes und so viel mehr wurden uns zur Erfahrung: ich bin angenommen, angekommen. Mich ermutigen Menschen, die sich an den Gräben der Verschiedenheiten nicht stoßen. Menschen, die diese Gräben aber auch nicht einfach hinnehmen, sondern an ihnen entlang gehen, um eine günstige Stelle für einen Brückenschlag zu finden. Ja, es gehört Geduld dazu, den rechten Platz zu finden. Ich meine mit diesem Bild vom Suchen: Wer zu einem Menschen eine Brücke schlagen will sollte beginnen, regelmäßig für ihn zu beten. Brücken zueinander, Brücken füreinander, so soll es unter uns sein: „Nehmt einander an! Der südafrikanische Führer der Freiheitsbewegung Nelson Mandela musste 27 Jahre im Gefängnis leben, 18 Jahre davon im Hochsicherheitstrakt auf der Insel „Robben Island“. Dann die Wende, er kam frei und wurde Präsident seines Landes. Zu seiner Amtseinführung lud er einen ein, der nicht dorthin gehörte, als Ehrengast – seinen ehemaligen Gefängniswärter. Mandela hatte all seine Wut, Folter, Demütigungen, das ihm geschehne Unrecht ablegen können durch Vergebung. Es muss ihm klar gewesen sein: was er mir angetan hat, muss ich ihm vergeben, sonst werde ich und auch er in Wahrheit nicht frei, dann steht hinter meinem Kampf um Freiheit immer noch ein Fragezeichen. So wagte er einen Brückenschlag zu seinem ehemaligen Peiniger und schrieb ihm: Unter den großen Politikern der Welt sei du mein Ehrengast. Brücken zwischen Menschen. Jetzt lasst uns auf unsern Herrn blicken. Zwischen Mensch und Gott gibt es keinen Weg. Wir können nicht einfach zu ihm, mit ihm spazieren gehen oder fragen: Hallo, wie geht’s, Chef. Die Bibel erzählt, in der Paradiesvertreibung angefangen, von dem tiefen, unüberwindlichen Graben zwischen Geschöpf und Schöpfer. Die Hoffnung unsrer Glaubensväter im Alten Testament war: Gott baut einen Weg. Das Evangelium im Neuen Testament berichtet davon: Von der Mühe, Geduld und Beharrlichkeit Gottes, wie Gott einen Weg für uns gemacht hat, wo sonst keiner war. Im Hebräerbrief wird unser Heiland „pontifex maximus“ genannt. Luther übersetzt das mit „Hohepriester“, aber genau heißt es: „Oberster Brückenbauer“. Dieses, sein Brückenbauen, geschah durch Annahme. So baute er, unter Hingabe von allem, was er hatte, seinem Leben, einen Weg hinweg über die unergründlichen Abgründe von Sünde, Tod und Verdammnis, hinüber ins ewige Leben. Jesus – der Brückenschlag der Liebe Gottes zu uns. Was Jesus getan hat, zeigt unmissverständlich: Es gibt Unannehmbares in der Welt, unannehmbare Zustände, unannehmbare Meinungen… aber eines gibt es nicht: unannehmbare Menschen. Dieses Prinzip Christi ist das Prinzip der Kirche, unsere Haltung. Annahme von Menschen geschieht im Tiefsten immer um Christi willen, nicht aus der Kraft eigner Menschlichkeit. Das betont Paulus ausdrücklich: „Nehmt einander an, wie Christus uns angenommen hat.“ Um den Doppelsinn des Wörtchens „wie“ deutlicher zu hören, muss der Satz so gesprochen werden: Nehmt einander an, wie und weil Christus uns angenommen hat. Mit dem Brückenschlag, den Gott in Jesus zu vollzogen hat, will er nur eins: seine Liebe soll zu den Menschen. Jetzt wird deutlicher, was Gottes Absicht für die Brücken zwischen Menschen ist. Nicht zum Selbstzweck sollen wir Brücken bauen, sondern für Gott, so „dem Herrn den Weg bereiten“. Wo Menschen und Kirchen sich versöhnen, miteinander streiten und arbeiten, wo sie einander gelten lassen in Verschiedenheit und doch wertschätzen, wo nicht Paragraphen, sondern die Nöte das Handeln bestimmen, wo Menschen ganz verschieden und doch gemeinsam glauben und aus Glauben leben – über solche Brücken fließt die Liebe Gottes, dort wird Gott geehrt und gelobt. Brückenbauer, ob Jesus, Paulus, Wesley, Bach, Maximilian Kolbe, Bonhoeffer, Mandela oder die vielen Unbekannten…Brückenbauer arbeiten, damit Gott gelobt und gepriesen wird. Ich atme und arbeite, singe und weine, höre und helfe nur darum, dass Gottes Lob größer und größer werde. Deshalb leben wir, das ist der Herzschlag der Kirche und Sinn unseres Lebens. Das meint der Apostel Paulus mit seinem Ruf: „Nehmt einander an, wie Christus uns angenommen hat: zu Gottes Lob.“ Amen.

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