Die große Sammlung (Oßling)

Die große Sammlung (Oßling)

Joh. 11, 47 – 53                                                                                                 Judika – Oßling, am 07.04.2019

„Die Hohenpriester und die Pharisäer versammelten den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen. Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute. Einer von ihnen, Kaiphas, der in dem Jahr Hoherpriester war, sprach zu ihnen: Ihr wisst nichts; ihr bedenkt auch nicht: Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe. Das sagte er aber nicht von sich aus, sondern weil er in  dem Jahr Hoherpriester war, weissagte er. Denn Jesus sollte sterben für das Volk, und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen. Von dem Tage an war es für sie beschlossen, dass sie ihn töteten.“

Liebe Gemeinde! >Seltsame Einigkeit – Ein rätselhaftes Gespräch< Wir werden Zeuge eines rätselhaften Gesprächs. Zuerst: Wenn erbitterte Gegner sich zusammentun, miteinander beraten, lässt das aufhorchen. Sadduzäer und Pharisäer ließen sonst kein gutes Haar aneinander. Jetzt werden sie gemeinsam aktiv. Seltsame, rätselhafte Einmütigkeit wird hier beobachtet:„Die Hohenpriester (Sadduzäer) und die Pharisäer versammelten den Hohen Rat.“Wenn unterschiedliche, gar verfeindete Gruppen einer Gesellschaft sich zusammentun, liegt ein gemeinsames Interesse vor, meist eine Bedrohung, ein gemeinsamer Feind.So hier: das rote Tuch hatte den Namen Jesus. >Der Hohe Rat ist ratlos <Aber ich muss mich doch wundern. Nicht allein, dass hier die ganze politische Elite berät, lauter kluge, erfahrne Männer, sondern auch, dass sie alle ratlos sind. Da wandert ein Mann in Sandalen auf Jerusalem zu, und sie sind aufgeschreckt, als stünden die Türken vor Wien oder Dschingis-Chan, mit Reiterheeren bis an den Horizont, am Ufer der Weichsel.„Was tun wir?“  – ist der einzige Punkt ihrer Tagesordnung. Der Mann, der sie in Panik versetzt, wandert, predigt, sitzt vielleicht gerade erschöpft an einem Brunnen und redet mit einer Frau. >Die rätselhafte Angst <Wir riechen förmlich den Angstschweiß im Sitzungssaal, atmen diese Ratlosigkeit. Jetzt wird klar formuliert: „Was (also) tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen. Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute.“Ja, es waren Nachrichten aus sicherer Quelle gekommen: ein Blindgeborner sah wieder messerscharf; ein seit 38 Jahren Gelähmter wäre geheilt und hätte als Tanzlehrer eine Tanzschule eröffnet; und einer, mit Namen Lazarus, drei Tage tot, die Gruft bereits voller Verwesungsgestank, wäre durch diesen Wanderprediger zum Leben erweckt, hätte sich zwei paar Ochsen gekauft und würde seinen Acker bestellen. –Vielleicht sind solche Wundernachrichten rätselhaft, aber viel rätselhafter ist, was sie hier auslösen. Es ist doch gar nichts passiert, keine Terroranschläge, Geheimpläne oder Verschwörungen, keine Toten, nur Überlebende. Komisch, was sollten denn die Römer dagegen haben, wenn die Sterblichkeitsrate sinkt und die Kranken nicht mehr die Straße säumen? Was ist denn da zu befürchten? Gute Ärzte und Heiler waren schon immer gefragt. >Angst – ein schlechter Ratgeber <In dieser Sitzung meldet sich einer der schlechtesten Ratgeber zu Wort, den es gibt: Angst. Sie haben Angst um ihren Einfluss, und dass der Nazarener Einfluss gewinnt. Aber sie sind in innerem Widerstreit. Ein Verbrechen kann man Jesus nicht vorwerfen, im Gegenteil. Sie, die selber an den Allmächtigen glauben und ihn täglich anrufen, wissen nur zu genau: ohne Gott kann kein Mensch solche Taten tun. Tote ins Leben bringt nur Gott. Also scheint Gott durch diesen Menschen Zeichen zu tun. Und so sitzen sie in ihrer Angst; Angst macht mürbe und vernebelt. >Ein Rat – sein Tod ist die Lösung <Da steht einer auf. Er wirft alle Bedenken hinter sich, schüttelt die unsichtbaren Stricke der Angst ab, dieses wäre, hätte, könnte, sollte vielleicht. Er hat diesen ratlosen Rat, diese fruchtlose Diskussion satt: Kaiphas. Zornig über sein eignes Zögern und mürrisch über die ratlosen Jammerlappen um ihn, fährt er sie an: „Ihr wisst nichts; ihr bedenkt auch nicht.“ >Einer für alle <Einer für alle. Das ist die Lösung. Wer Ruhe haben will, muss den Unruheherd beseitigen. Seine Worte treffen mitten in ihre Angst, Macht oder gar ihr Leben zu verlieren: „Es ist besser für euch …“,ruft er.  Man hört seinen diplomatischen Ton, der etwa so klingt: ich nenne euch eine schlechte Lösung, aber – sie ist von allen die beste, Klammer auf – für euch – Klammer zu. Diplomatisch auch, weil es ja schließlich um das Gemeinwohl geht, ja um Volk und Vaterland und die Rettung aller guten Werke. Wenn Millionen das Leben behalten, dann fällt doch einer nicht ins Gewicht. So hallen seine Worte durch den Sitzungssaal, sie hallen durch die Geschichte. Das Echo seiner Worte durchläuft Völker und Zeiten und ist bis heute nicht schwächer geworden. Rätselhaft und rätselhaftes Echo:„Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe.“ Was für eine Ironie: gerade hat Jesus einen von den Toten erweckt, wird er selbst deshalb zum Tode verurteilt.Halt, möchten wir rufen, eine Frage: Ein Menschenleben, wieviel ist es wert? Wie viele müssen bedroht sein, dass einer getötet werden darf? Und wer darf das bestimmen?Doch nicht wir dürfen dazwischen rufen, wir sind nur ferne Betrachter. Eine andere Stimme meldet sich, ein Deuter. Er erklärt uns: hier, liebe Leute, passiert mehr, als man auf den ersten Blick wahrnimmt. >Kaiphas – Gottes unfreiwilliger Prophet <Der Redner verkündet Gottes Plan und weiß es selbst nicht – Gottes unfreiwilliger Prophet. Einer für alle, hatte Kaiphas unwirsch in die Versammlung gerufen und der Deuter weist uns auf die Tiefe dieses Wortes: „Das sagte er aber nicht von sich aus, sondern weil er in diesem Jahr Hohepriester war, weissagte er.“ Weissagen geschieht durch den Heiligen Geist. Er gebraucht Mund und Stimme von Menschen, um bisher verborgene Pläne und Gedanken Gottes bekannt zu machen. Die Deutung der Weissagung lautet: „Denn Jesus sollte sterben für das Volk, und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen.“ –Schauen wir den Film dieser Versammlung mal im Zeitraffer an: Leute, die das Sagen haben, fürchten sich vor einem Prediger. Seine Wunder bringen sie an einen Tisch. Sie wollen verhindern, dass die Menschen an ihn glauben und die Römer ihnen Land und Leute nehmen. Ihr Plan: er muss sterben. Aber ihr Plan setzt gerade das in Gang, was sie verhindern wollten: die-ser Mann wird einer, an den viele glauben und ein paar Jahre nach seinem Tod werden die Römer Stadt und Tempel anzünden und Israel als Staat von ihrer Landkarte radieren. Keiner vom Hohen Rat ahnt: in dem sie sich gegen Jesus stellen, geschieht gerade das, was sie nicht wollten. Sie begreifen nicht.Für uns kein Grund, überlegen und wissend zu lächeln. Wir sehen hier schlicht: Gott lässt sich eben nicht in die Karten gucken und er gebraucht nicht nur seine Leute, sondern auch, die sich gegen ihn stellen. Er redet auch heute durch manchen, dem wir vorschnell den Titel Atheist, Unbekehrter oder Gottesleugner geben, der vielleicht aber Gottes unfreiwilliger Prophet ist. Wir sollten auch den Gedankenanstoß ernst nehmen, was wir denn eigentlich von Gottes Wirken in der Welt, unserm Land oder unsrer Nachbarschaft begreifen. Sind wir solche Menschen, die verstehen wollen, hinhören, hinsehen? Machen wir uns klar, dass Gott, den wir glauben, Gedanken und Beschlüsse auch über uns hat? Wie er sie wohl durchsetzt und bekannt macht? Wissen wir das? – >Die große Sammlung <Das Rätselhafteste aber an dieser unheimlichen Geschichte finde ich die Umkehrung des Todes. Ich meine: der Tod reißt immer auseinander, was zusammengehört.Aber Jesu Tod führt zusammen, was bisher nicht zusammengehörte: Gott und Mensch, Juden und Nichtjuden, Gesunde und Kranke, Arme und Reiche, Rassen und Klassen, Gute und Böse.Unter dem Tod Jesu werden sie versammelt. Bis heute treffen sich unterm Kreuz Menschen und ringen in Jesu Namen um Glauben, Frieden, Versöhnung, Liebe und Gemeinschaft. Ohne Jesu Tod undenkbar. Sein Tod geschieht zugunsten der nicht Versöhnten. Das Kreuz vereint. Aus einem Schandort wurde ein Standort, ein Sammlungsort. Jesus, der große Menschensammler. Das Kreuz ruft: Tritt auch du jetzt herzu unter sein Kreuz. Lass dich rufen und verwandeln, dass aus einem Betrachter ein Anbeter werde.  Amen.

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