Ein offenes Geheimnis

Ein offenes Geheimnis

Kol 1, 24-27                               Epiphanias/1. Sonntag nach Epiphanias – Oßling/Großgrabe, am 07.01.2018

 

„Ich freue mich in den Leiden, die ich für euch leide, und erstatte an meinem Fleisch, was an den Leiden Christi noch fehlt, für seinen Leib, das ist die Gemeinde. Ihr Diener bin ich geworden durch das Amt, das mir Gott gegeben hat, dass ich euch sein Wort reichlich predigen soll, nämlich das Geheimnis, das verborgen war seit ewigen Zeiten und Geschlechtern, nun aber ist es offenbart seinen Heiligen, denen Gott kundtun wollte, was der herrliche Reichtum dieses Geheimnisses unter den Heiden ist, nämlich: Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit.“

 

Liebe Gemeinde! Als Dietrich Bonhoeffer im Gestapokeller zum Jahreswechsel 44/45 schrieb: „Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern, des Leids gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand.“ Als er das schrieb, wusste er, wovon er redet. Es klingt ähnlich, wie die Worte des Paulus: „Ich freue mich in den Leiden.“ Der eine nimmt den Leidenskelch dankbar, ohne Zittern, der andere mit Freude: wenn das kein Geheimnis ist, nach dem es sich lohnt zu fragen. Wie kommt es, Bruder Paulus, Bruder Dietrich, dass ihr nicht am Schreibtisch, bei Plätzchen und Kaffee, sondern im Gefängnis, kurz vor eurer Hinrichtung so reden könnt? Woher diese Ruhe, Zuversicht? Warum habt ihr keine Angst, ihr hättet Grund? – In ihren Worten, ihrer Haltung leuchtet etwas auf. Ein Geheimnis. Das Geheimnis einer Kraft. Besser gesagt, dieses Geheimnis zeigt sich ein Stück als Kraft im Leid, Angst Bedrängnissen. Die Erfahrung, getragen zu sein, ist eine Erfahrung. Nicht das Geheimnis selber. Das Geheimnis benennt Paulus: Christus. Christus in euch. Und schreibt: „Das Geheimnis, das verborgen war seit ewigen Zeiten und Geschlechtern, nun aber ist es offenbar seinen Heiligen, denen Gott kundtun wollte, was der herrliche Reichtum dieses Geheimnisses unter den Heiden ist, nämlich: Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit.“ Eine Botschaft, wichtig für unser Miteinander, drängt sich auf. Im atheistischen Wohlstand wird menschliches Leben nur als geglückt gedeutet, wenn es lang, gesund, abgesichert, anerkannt und was weiß ich noch ist. Diese Deutung sieht Leben nur in seinen paar Erdenjahren. Paulus hat einen weiteren Horizont. Die Herrlichkeit Gottes, in Christus erschienen, spiegelt sich gerade nicht in Erfolg und Glück. Sondern in Bedrängnissen, die der Christ mit innerer Gelassenheit, Freude und Dank auf sich nimmt. Paulus und Bonhoeffer kann man das jedenfalls so abnehmen. Sie haben aus dem Geheimnis „Christus in euch“ gelebt. – Was ist eigentlich das Geheimnis eines Geheimnisses? Dass man es nicht wissen, nicht mit Verstandeswissen erfassen kann. Die meisten Geheimnisse des Lebens öffnen sich erst, wenn man davor kapituliert. Sie als Geheimnis anerkennt. Kapitulieren meint: staunen, einatmen, glauben, verschenken, eintauchen. Was entdecke ich denn schon vom Geheimnis einer Rose, wenn ich die Blüten-blätter abreiße, den Stiel an 10 Stellen spalte und breche und die Dornen im Mörser zerstampfe. Ich sehe immer nur pflanzliches Material, aber kein Geheimnis. Verschenke ich sie aber, wächst dieses Blümlein über sich hinaus, besser: zeigt sein Geheimnis. Wird zum Boten der Liebe und weckt Freudentränen. Ich kann 1000 Stunden darüber nachgrübeln, wie das denn möglich sei: „Christus in euch“. Christus in mir – ja, wie soll denn Gottes Sohn, der Herr aller Herren, in mich hineinkommen? 1000 Stunden Grübeln werden 1000 Stunden ohne Antwort sein. Gibt es aber eine Stunde in meinem Leben, in der ich mich dem Geheimnis öffne, dann öffnet es sich mir: „Christus, zieh in mein Herz, gib mir Anteil an deinem Geheimnis. Sei Christus in mir! Sei mein Herr!“ Das ist Geltenlassen, Kapitulation, Annehmen. Glauben heißt nicht nur, dieses unendlich kostbare Geheimnis aufnehmen, Christus Herberge geben. Glauben heißt im Vollzug, diesem Geheimnis Raum, mehr Raum, allen Raum zu geben. „Christus in euch“. Wo soll er denn hin? Nur in die gute Stube oder auch in die Abstellkammer? Lassen wir ihn auch in die muffigen, dunklen Keller unserer Ängste und in die verstaubte Bodenkammer? Dort oben, wo unsere Träume vor sich hin welken. Christus möchte sein Geheimnis in unserer Vergangenheit entfalten: Wunden verbinden und heilen, ungetrocknete Tränen,  vom letzten Jahr und jahrzehntealt, abtrocknen. Zeitreisen will er mit mir starten. Zurückwandern in alte Tage und mir zuflüstern: „Verzeih jetzt dem andern. Trag ihm seine Schuld nicht mehr nach, leg sie jetzt ab. Verzeih auch dir. Ganz. Komm in meine Arme und verzeih dir. Es ist geschehn, du bist wütend, enttäuscht über dich, aber in meinem Geheimnis ist es vorbei. Ich habe dazu die Macht und schenke dir einen neuen Anfang.“ – Und wenn Jesus neu sagt, dann ist alles neu. So will er sein Geheimnis in meinem Alltag zu meiner geistlichen Erfahrung machen. Noch hab´ ich meine Bitte: Herr, vergib! nur halb ausgesprochen, tönt sein sanftes JA und ich schaue sein Kreuz, erblicke die heilende Kraft seiner Leiden für mich. Ich bitte um Kraft für den Tag und weiß, dass Christus für mich bittet. Dass sein Geist mich vertritt mit unaussprechlichem Seufzen und Flehen, er aus meinen Gebetssplittern ein herrliches Bild, eine verändernde Kraft formt. Ich sehe vor mir Aufgaben wie Berge, Schluchten zwischen Menschen, nicht zu überqueren. Und mein Geheimnis „Christus in mir“ verleiht mir Flügel, lässt mich ein verborgenes Brücklein entdecken. Im Alltag will dieses Geheimnis mir vorangehen, der Weg unter meinen Füßen sein, meine Rückendeckung, der Himmel über mir. Dieses Geheimnis ist mir Gefährte und Pausenbrot, Wanderstab und ein Kerzenschimmer im Dunkel. Was meine Zukunft betrifft – da führt mich dieses Geheimnis, schneller als ein Gedanke, auf eine Anhöhe mit weitem Ausblick. Im deutschen Wort „Geheimnis“ steht ja „Heim“. Heimat. „Christus in mir“, das Geheimnis Gottes in mir, zeigt mir, wenn ich in die Ferne schaue, Heimat, meine Heimat. Ich habe bei Gott ein Heim. Wo das Christusgeheimnis wohnt, ist auch ein Zuhause. Das Christusgeheimnis ist so der Schlüssel für mein eigenes, ungeöffnetes Geheimnis: dieses – Wohin? Woher? Welcher Sinn? Hier wird auch deutlich, warum es heißt: du sollst dir kein Bildnis von dem Geheimnis „Gott“ machen. Der Inhalt dieses Geheimnisses ist unendlich und doch immer gleich: Christus. Aber wie ich dieses Geheimnis sehe und wie es sich mir zeigt, das ist so verschieden, wie es Tage in meinem Leben gibt: in Dunkelheit als Licht, in Ängsten als Mauer, im Suchen nach Liebe als Rose, im Arbeiten als Hammer und im Ausschau halten nach Sinn – als Auftrag. Paulus, von diesem Geheimnis getragen, erkannte seine Bestimmung, als ihm das Geheimnis flüsterte: das muss jeder wissen. Er verstand sein Leben nicht nur getragen vom Christusgeheimnis, sondern als Diener desselben und schreibt: „Diener bin ich geworden durch das Amt, das mir Gott gegeben hat, dass ich euch sein Wort reichlich predigen soll.“ – Das Wörtchen „in“ kann vom Griechischem her gleichwertig übersetzt werden mit „unter“. Wie wir zwei Hände, hat das Geheimnis zwei Seiten, einmal: „Christus in euch“ und auch „Christus unter euch“. Ergo, wer dem Geheimnis „Christus in mir“ Raum gibt, der platzt bald aus allen Nähten, den drängt es hinaus. Jeder Herzton ruft dann: Das muss unter die Leute! Christus unter euch. – Zuletzt bekommt jeder einen kleinen Auftrag für die nächsten fünf Tage: Nimm dein Geheimnis ernst, nimm es wahr, glaube dem Wort: „Christus in dir, die Hoffnung der Herrlichkeit“. Wenn Christus, die Hoffnung der Herrlichkeit in mir ist, dann ist doch die Herrlichkeit Gottes in mir. Nimm diese Zusage und geh mit ihr schwanger. Sprich es dir zu. Sag dir die nächsten fünf Tage früh, abends, unterwegs, wo auch immer: Ich bin die Herrlichkeit Gottes. Vertraue darauf, dass Gottes Herrlichkeit in deinem Leben aufstrahlen möchte. Es kommt nur darauf an, durchlässig zu werden für Gottes Licht. Und sein eignes EGO, das dieses Licht oft genug verstellt, beiseite zu stellen. „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“: strahle, leuchte Geheimnis Gottes in uns, durch uns, unter uns! In Jesu Namen. Amen.

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