Eindeutig – Uneindeutig

Eindeutig – Uneindeutig

Prediger 7, 15-18                                               Septuagesimae – Oßling/ Großgrabe, am 17.02.2019

„Ich habe allerhand  gesehen in meine Lebenstagen, die wie  Nebel sind: Da ist ein Gerechter, der zugrunde geht in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. Halte dich nicht zu streng an das Gesetz, und sei nicht maßlos im Erwerb von Wissen: Warum solltest du dich selbst ruinieren? Entferne dich nicht zu weit vom Gesetz und sei kein dümmlicher Narr. Sonst stirbst du vor deiner Zeit. Es ist am besten, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, wird sich in jedem Fall richtig verhalten.“

Liebe Gemeinde! Das ist ein ungewohnter Ton. Habe ich richtig gehört? Ist das der Rat aus Gottes Wort: Halte dich nicht zu streng an die Gebote, sonst ruinierst du dich. Ja. Es ist ein geistlicher Rat, fast, wie in einem seelsorgerlichen Gespräch unter vier Augen. Auch mir wurden solche Worte zur Ermutigung gesagt, wenn ich in einer Glaubenskrise war. Damit meine ich: Ich habe auf mein Leben geschaut und ernüchtert festgestellt, wie wenig ich meinen Überzeugungen gerecht werde. Sie scheinbar verrate aus Angst oder Bequemlichkeit. Hatte ich dann den Mut, mich einem Bruder zu offenbaren, erlebte ich, wie mir der Arm um die Schulter gelegt wurde. Ich hörte: Leg nicht zu hohe Maßstäbe an dein Leben. Du fühlst dann nur Lebensdruck. Und wirst dich selbst ruinieren. Ja, aber Gott, den ich glaube, und die Gebote, was ist damit? Soll ich sie links liegen lassen? In dieser Spannung zwischen „Soll und Sein“ höre ich diesen seltsamen unbestimmten Trost: „Wer Gott fürchtet, wird sich in jedem Fall richtig verhalten.“Dieser Satz beschreibt die Aufgabe der heutigen Predigt: etwas offenbaren, ohne das Geheimnis zu lüften. Also, was meint Gottesfurcht? Gott? Wer bist du? Du Großer, Unendlicher, Ewiger, Unvorstellbarer. Was ist vor dir die angemessene Haltung? Damit ich nicht meinen eignen Vorstellungen auf den Leim gehe, schaue ich in die hebräische Bibel, den Urtext. Gottesfurcht heißt hier: „Gott im Glück und Unglück, in allem am Werke sehen“. Gottesfurcht. In allem – den Menschen und Moneten, Misständen und Maßstäben, Moral und Mode, Macht und Manie, Mond und Molekül – in allem sehen lernen, glauben: Gott ist am Werke! Auch mit mir. Zur Gottesfurcht gibt es also keine detaillierten Vorschriften, tu dies, jenes nicht. Sondern diese oft unbequeme und wunderbare Freiheit: Gott ist mit dir am Werke und du sollst allein den Weg finden, tapfer gehen. Es gibt dazu den Wegweiser „Gesetz Gottes“. Aber! „Halte dich nicht zu streng an das Gesetz … und entferne dich auch nicht zu weit davon.“Heißt das etwa: Mache vielleicht das Recht, aber nie die vollkommene Gerechtigkeit zu deiner Sache. Vor Gott ist Unrecht nicht zu rechtfertigen – auch das Unrecht nicht, mit dem man Recht wiederherstellen will. Oder Genugtuung schaffen will. Gerechtigkeit in unserer unübersichtlichen Welt kann nur Gottes Sache sein. Und wir befehlen ihm an, was wir als ungerecht empfinden und nicht ins Reine bringen können. Dabei bedenken wir besonnen, dass es nur „unser Reines“ ist und wir vielleicht auch nicht den völligen Überblick über die Lage der Dinge haben. Ja, es tut weh, das Recht nicht zu bekommen, das uns angeblich zusteht. Es bleibt dann aber Gottes Sache, das zu bewirken. Alles andere bringt mehr Unheil, als es heilt. „Dir, Gott, befehlen wir an, was uns schmerzt“, – ist ein gutes Gebet.  Dass Gott mir nicht als strenger Arbeitgeber, sondern als Mitgehender begegnen will, muss einer erst mal fassen. Ich riskiere mal einen Blick auf Jesus, in dessen Fußstapfen wir laufen (sollen). Jesus hatte wirklich ernste Probleme mit allen, die sich zu streng ans Gesetz hielten, den Pharisäern. Er hat sie hart kritisiert und sie ihn. Ich denke an die Konflikte um das Sabbatgebot, das Jesus treu hielt. Aber er hielt sich nicht so streng daran, als dürfe er an diesem Tag niemand heilen und helfen. Sein Kommentar: Der Mensch ist nicht für´s Gesetz gemacht, sondern das Gesetz für den Menschen. Das brachte ihm schließlich das Kreuz. Auch weil er denen, die sich zu weit vom Gesetz entfernt hatten, nachging. Sie wieder etwas näher heranrückte an Gottes Gebote durch seine Gegenwart. Er stellte keine moralischen Forderungen auf, sondern sucht, besuchte die Fernen. Heute sagen wir dazu: Nachgehende Seelsorge. Soweit der Blick auf Jesus. Jetzt ein nächster Punkt: Warum ist Gottesfurcht, also Gott in allem am Werke glauben, so mühsam? Warum? Weil Gott unzuverlässig ist. Auch das ist ein ungewohnter Ton. Wer sich darauf verlässt, dass Gott so handelt, wie er meint, es aus dem Wort Gottes erkannt zu haben, wird ent—täuscht werden. So lese ich unser Predigtwort: „Ich habe allerhand gesehen in meinen Lebenstagen, die wie Nebel sind. Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lange lebt in seiner Bosheit.“Es ist kein Verlass auf die Vorstellung: der Gute wird belohnt, der Böse wird bestraft. Wir sehen doch, dass schreiende Ungerechtigkeiten viele Wunden schlagen: ein Gerechter kann umkommen und ein Gottloser in Freuden leben. Wie sollen Menschen das mit ihrem Glauben verbinden? Die Schlussfolgerung heißt nun aber nicht: naja, welchen Sinn macht dann Glauben, warum sollte ich mich an den Geboten abarbeiten. Sondern der Weg heißt: Gottesfurcht. Dieser Herausforderung standhalten, die für´s Verstehen zu komplex, zu schwer ist: Gott ist in allemam Werke: „Denn wer Gott fürchtet, wird sich in allem richtig verhalten.“Um deines und deiner Würde willen sollst du ein richtiges Leben leben. Und auch, wenn es ein richtiges im falschen ist. Mitten in schmerzhaften Konflikten, offenen Fragen und Wunden. Das bist du dir schuldig. Die Beziehung zu Gott ist kein Geschäft. Du kannst ihn nicht zwingen und dir nichts erwerben, was er dir geben muss. Aber um deiner selbst willen kannst du dir einen geraden Weg durchs Leben suchen, weil du es dir wert bist. Und Gott? Würfelt er dein Schicksal aus? Ist es Zufall, ob es dir gut oder schlecht geht im Leben, du reich oder arm, krank wirst oder gesund bleibst, kurz oder lange lebst? Ja, es ist Zufall, sagt unser Predigtwort. Denn es fällt dir zu. Das Wort für Zufall in der Bibel heißt: „Begegnung“. Gott begegnet dir, er lässt dir etwas zufallen. Und das nicht nach dem Würfelprinzip. Wie dann? So fragst du? Das – bleibt allein sein Geheimnis. Und du bist mittendrin. Nochmal: du bist mitten in diesem Geheimnis „Gott“. Es kommt allein alles auf die Begegnung mit Gott an. Du kannst deinem Leben keine Sicherheiten geben, du kannst nichts für dich tun, was Gott dich nicht tun lässt; nichts, was nicht gottgewollt ist. Es gibt nichts unter der Sonne, was außerhalb von Gottes Herrschaftsbereich passiert. Also verlass dich auch auf nichts anderes als auf ihn. Nicht, indem du die Hände in den Schoß legst (außer zum Gebet), sondern aktiv. Dazu bist du geschaffen: ein Mensch. Mit Verstand und Gefühl gesegnet. Dazu hast du Gebote und Gesetze erhalten, die dich leiten. Lass dich leiten. Das bist du dir als Geschöpf Gottes schuldig. Gott ist dir nichts schuldig. Er hat dir schon alles gegeben. Du sollst wissen, dass deine einzige Sicherheit Gott selbst ist, und sonst nichts auf der Welt. Er hat dir zwei Hände gegeben. Sie stehen in dieser Predigt als Sinnbild von Lebensweisheit, die da lautet: „Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt.“ Instantkaffee und Apfelsaft wollen erklären, dass hier nicht der goldene Mittelweg der Dünnbrettbohrer gemeint ist, sondern das Prinzip von dankbarem Empfangen und aktiven Geben. Instantkaffee: Heißes Wasser, einen Löffel schwarzes Pulver, Tasse, fertig. So schnell. Ich empfange einen dampfenden Kaffee. Weiß aber gar nichts von seinem Werden, habe dazu nichts getan. Pflanzen, reifen ernten, rösten, verkaufen, handeln, Transport, Umwandlung der Bohnen. Vieler Menschen Arbeit. Langer Zeitraum. Für mich 1 Minute, dann genieße ich. Und halte die Tasse in der Hand. – Dieser Apfelsaft stammt von „meinen“ Bäumen. In meiner ersten Pfarrstelle habe ich über 300 davon, viele alte Sorten, gepflanzt. Habe mich um sie gesorgt, sie begossen, beschnitten, gebetet und gewartet. Erst viele Jahre später gab es die erste Ernte. Wenn ich ein Glas „meines“ Apfelsaftes in der Hand halte und trinke, fühle ich etwas. Ist es Stolz, Dankbarkeit, Freude? Ich sehe vor mir „meine“ inzwischen großen Bäume und empfinde Sinn. Ja, das hatte einen Sinn. Ich konnte etwas durch meine Arbeit geben. So bin ich stolz auf meine Äpfel. Und dankbar für den Kaffee. Beides hat Gott geheimnisvoll, auch mit mir, werden lassen. Das macht mich ehrfürchtig dankbar. Ich erahne etwas von „Gottesfurcht“, dass Gott in allem, mit allen, auch durch mich und mit mir, am Werke ist. Wie geheimnisvoll und schön. Amen.

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