Ich habe dich zum Licht der Völker gemacht…

Ich habe dich zum Licht der Völker gemacht…

Jes 49, 1-6                                                            15. Sonntag nach Trinitatis – Großgrabe, am 09.09.2018

 

„Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merket auf! Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß meiner Mutter war. Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt. Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will. Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz, wiewohl mein Recht bei dem Herrn und mein Lohn bei meinem Gott ist. Und nun spricht der Herr, der mich von Mutterleibe an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurück-bringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde, – darum bin ich vor dem Herrn wert geachtet, und mein Gott ist meine Stärke – , er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde.“

 

Liebe Gemeinde! Die Welt ist voller Propheten, Menschheitsbeglücker und Moralapostel. Die wissen immer genau, was man zu tun und zu lassen hat. Ihre Botschaft heißt: Hör auf mich und dann geht´s dir gut. Würde doch nur die Menschheit auf mich hören, bräche ein goldenes Zeitalter an. Da aber die Menschheit mir nicht folgt, wird alles bald in einer Katastrophe enden. Propheten sind überzeugt von der Richtigkeit ihrer Welt-sicht und künden mit überschwappendem Selbstbewusstsein. Ihre Gegner brandmarken sie und am Geldbeu-tel ihrer Anhänger bedienen sie sich. – Und doch brauchen wir so nötig Menschen, die mit Mut die Wahrheit sagen und mit Selbstbewusstsein vorangehen. Wem darf man vertrauen? Was sind wahre, was falsche Propheten? Unser Predigtwort führt uns in eine alte Kultur und einen aktuellen Konflikt. Mitten in Babylon spielt sich ein geheimnisvolles Ringen ab: Zwei Religionen treten gegeneinander an. David und Goliath. Ein besiegtes Völkchen gegen eine Weltmacht in Prunk, Macht und Glanz. In diese Szene tritt ein seltsamer Prophet. Seltsam, weil er nicht nur seine helle, sondern auch seine dunkle Seite zeigt. Zuerst ist da ein großer Anspruch. Er redet zu allen Völkern. Seine Botschaft gilt allen Menschen. Er weiß sich von Gott auserwählt schon vor seiner Geburt. Er hat die Gabe des Wortes, scharf wie ein Schwert. Er weiß sich als Knecht Gottes, von ihm gesendet, unter seinem Schutz. Hört, wie er von sich redet: „Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merket auf! Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand mich bedeckt … Er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will.“ Er strahlt förmlich vor Sendungsbewusstsein. Doch schon ist man ernüchtert. Er lässt uns einen Blick in sein Herz werfen, ganz anders, als die selbsternannten, modernen Propheten. Da sehen wir einen zögerlichen Mann: Ich habe Angst zu versagen, hören wir, es ist sinnlos. Selbstzweifel und Vergeblichkeitserfahrungen beugen ihn wie einen Baum im Sturm. Es ist einer, der sich ein Gewissen macht. Und er ist der Resignation gefährlich nahe, wenn er ruft: „Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.“Er zweifelt. Konsequenterweise zweifelt er. Jahrelanges Arbeiten, aber keine Früchte seiner Arbeit. Er muss ja zweifeln: Der Auftrag ist riesig, aber im Blick auf sich sieht er – meine Kraft ist winzig. Ein verzweifelter Mann. – Ein schöner Prophet, könnte man denken. So sitzt er an den Wassern Babylons, mitten unter tausenden Verschleppten. Seit Jahrzehnten lebt man schon im heidnischen Exil. Vor Augen allezeit die Macht der fremden Religion, die predigt: Geld, Gestirne und Schicksal bestimmen das Leben. Unser Glaube, denkt er, hängt sich nicht an tote Dinge, sondern an den lebendigen Gott. Wo aber ist er? Hat das Tote über das Lebendige gesiegt? Hat Macht und Geld immer das letzte Wort? Soll man sich anpassen? Oder doch der eignen Überlieferung treu bleiben, auch wenn man dabei unter die Räder kommt? – Der Druck der Versuchung ist fast übermächtig, sich einfach einzufügen, anzupassen. Er denkt zurück: Unsere Heimaterde, die wir pflügten. Das gelobte Land, das wir liebten. Den Tempel, wo wir beteten, unsere Glaubensheimat – alles verloren: Wie weiter? Was glauben? Welcher Boden hält? Worauf ist noch Verlass? Er predigt zu den Menschen seines Volkes, die in ihren Herzen Wut, Scham, Trauer und Resignation bewegen. Und Fragen – Glaubensfragen: Unser Gott konnte offensichtlich den Sieg Babylons nicht verhindern. Ist er besiegt? Sie suchen einen Hoffnungs-horizont. So sitzt er gedankenvoll am Ufer und macht eines nicht: er sucht keine religiösen Kompromisse mit den fremden, übermächtigen Gottheiten, will keinen runden Tisch. Und: er stellt eine alte Tradition in Frage. Die alte Tradition des „kleinen Gottes“. Die Israeliten seiner Zeit glauben an einen regionalen Gott. Es ist ihr Volksgott, sorgt für ihr Volk und will dafür verehrt werden. Es gibt viele Götter. die der Ägypter. Und Babylon hat wieder andere. Alle Gottheiten haben ihr abgestecktes Gebiet und ihr Volk. Der vollständige Sieg der Babylonier ließ somit nur einen Schluss zu: Die Götter Babels sind stärker. Und ihr Glaube knickte ein. Mit dieser alten Tradition der vielen Gebietsgottheiten machte der Prophet Schluss. Er, der Vertreter einer besiegten religiösen Minderheit, beginnt zu missionieren. Mitten im Herzen der Weltmacht. Zuerst hat er eine politische Botschaft. Wahrscheinlich haben der König und sein Hofstaat wie über einen guten Witz gelacht, als der Geheimdienst berichtet: Ein Mann unter den jüdischen Sklaven setzt den Leuten einen Floh ins Ohr. Er behauptet, bald könnten sie in ihre Heimat zurück. Die Weltmacht hätte keine Macht sie zu halten. Der König wird aus den Fensterarkaden geschaut haben: Unten sieht er seine schwerbewaffnete Leibgarde. Vor seinem inneren Auge ziehen die Abteilungen seines riesigen Heeres vorbei, mit Belagerungsmaschinen, die jede Stadt sturmreif bomben. Und seine gepanzerte Kavallerie, die alles niederreitet. Er denkt an das geraubte Gold seiner vollen Schatzkammern. Wir könnten diesen jüdischen Sklavenhaufen nicht hier halten? Er lächelt über diesen realpolitischen Unsinn. Geld und Armee bestimmen das Leben. Er hat beides. Er bestimmt, was geschieht. – Die zweite Botschaft war religiöser Natur. Ein brüllendes Gelächter wird den Königssaal erfüllt haben, als verlesen wurde: Ferner behauptet dieser Mann, unsere siegreichen Götter, die Sterne, sind nur Lampen am Himmel. Es gäbe nur einen Gott, er schuf Himmel und Sterne und die Erde. Es ist der Gott Israels. Respekt, brüllt der König, dann haben die Lampen über den Lampenmacher gesiegt, die Geschöpfe über den Schöpfer … mehr Wein, und alles johlt. Lasst uns die letzte Botschaft hören, so gut haben wir lange nicht mehr gelacht. Und durch die Gewölbe der Burg tönt die Stimme des Vorlesers. So spricht Gott zu mir:„Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde.“ Die erste Botschaft klingt wie eine politische Anmaßung: Israel darf heimkehren. Die zweite Botschaft klingt wie eine religiöse Anmaßung: Der Gott Israels ist der einzige Gott. Die dritte Botschaft klingt wie eine missionarische Anmaßung: Gott macht sein Volk zum Licht der Völker. Licht für alle Menschen. Der Prophet, Vertreter einer kleinen, geknechteten Minderheit hat allen Ernstes vor, der mächtigen Mehrheit den Weg zur religiösen Wahrheit zu zeigen? Liegt hier Größenwahn vor? Oder werden wir Zeugen des geheimnisvollen göttlichen Wirkens in der Geschichte? Die Mächtigen damals haben das nicht ernst genommen. Sie waren sich ihrer Sache sicher. Sonst hätten sie mit dem Aufwiegler und den jüdischen Sklaven kurzen Prozess gemacht. Es waren aber intelligente und gute Arbeiter. Mögen sie doch ihren Glauben haben. – Was sollen wir davon halten? Mit diesem Propheten bricht etwas auf, so wie Gras durch Beton bricht, so etwas wie eine religiöse Revolution. Das Volk Israel entdeckt mitten in seiner Erniedrigung, dass es nur einen Gott gibt. Der Monotheismus ist geboren: Gott umgreift nicht nur das eigne Volksschicksal, sondern auch das der Feinde Israels, ja aller Menschen. Mitten im Exil fängt diese verschwindend kleine Minderheit an, für diesen einzigen Gott zu missionieren. Fängt so an, „Licht der Heiden“ zu werden. Dabei treffen zwei Wahrheitsansprüche kompromisslos aufeinander: die Sternengottheiten der siegreichen Weltmacht, mit Marduk an der Spitze und der universale Gott der kleinen jüdischen Sklavengemeinde. Wie das Treffen ausging? 2.500 Jahre später sehen wir: der universale Anspruch des Gottes Israels hat sich weltweit durchgesetzt. Für die damaligen, realpolitischen Möglichkeiten ein fast undenkbares Ergebnis. – In unserem eignen Streit kann uns dieses Beispiel einer Auseinandersetzung zweier Religionen helfen. Unser Globus ist ein Dorf geworden. Wie stellen wir uns zu anderen Religionen? Sollen wir auf diesen kleinen, verzagten Mann im babylonischen Exil schauen? Zuerst: Wir hören und lesen diese alten Worte als Christen. Aber doch haben wir zwei Dinge mit ihm gemeinsam: Wir teilen mit ihm zum einen den Kleinmut und die Verzagtheit. Kirche ist in unserem gesellschaftlichen Exil eine kleiner werdende Minderheit. Wie sehr lassen wir uns von Machtdemonstratio-nen des Geldes und schwindenden Mitgliederzahlen lähmen? Welchen Raum hat unter uns und in uns der kraftvolle Glaube an die Möglichkeiten Gottes? Wir brauchen keinen großen Glauben, sondern nur Glauben an einen großen Gott. Verzagtheit also teilen wir mit ihm. Zum andern aber auch den weltumspannenden Anspruch auf Ausbreitung und Wahrheit unseres Glaubens: „Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker.“ (Mt 28, 18-20) Universaler Missionsanspruch bei gleichzeitigem Kleinglauben und Verzagtheit – das verbindet uns mit dem Propheten von damals. So gehen wir ins Treffen mit den Menschen und Religionen unserer Welt. Ein bisschen bange ist mir schon, aber nicht zu sehr. Nicht wir selbst, sondern unser Herr schickt uns ja. Der Auftrag der Kirche ist bis heute derselbe geblieben. Er lautet: „Ich habe dich zum Licht der Völker gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde.“ Amen.

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