Liebe – wie sie wirklich ist

Liebe – wie sie wirklich ist

Liebe – Wie sie wirklich ist

Hallo zusammen,

Wie viele Lieder kennst du, in denen das Wort „Liebe“ im Titel vorkommt? Gerne auch „Love“, „L’amour“, „amore“ oder in welcher Sprache auch immer das Lied ist.

Liebe ist ein „inflationär gebrauchtes“ Wort. Das heißt, dieses Wort wird ständig gebraucht. Jeder kennt es oder meint es zu kennen, aber so richtig erklären kann es keiner. Und so kommt es, dass auch jeder ein bisschen was anderes darunter versteht.

Heute kommen wir in unserer Themen-Reihe über den ersten Korintherbrief an eine Stelle, in der Paulus selbst über genau dieses Wort schreibt.
Paulus hat den Korinthern bereits ganz viel darüber erklärt, was es heißt, nicht nur einfach an Gott zu glauben, sondern wirklich mit ihm zu leben. Er hat davon geschrieben, dass wir durch diese Beziehung zu Gott heilig werden. Das heißt nicht, dass wir nur noch fromm, betend und Bibel lesend in der Kirche hocken, sondern dass wir in dieser Welt Gottes Charakter widerspiegeln. Und deswegen hat Paulus auch schon einiges darüber geschrieben, was eben zu diesem Charakter Gottes nicht passt. Er hat die Korinther ganz konkret auf Dinge hingewiesen, die bei ihnen passieren, aber die Gott so gar nicht gefallen. Und er hat ihnen gesagt, wie sie’s besser machen können, wie ihre Gemeinde Gott wirklich Ehre machen kann, wie Gott sich Gemeinde und Gemeinschaft vorstellt.

Und den Abschnitt, den wir heute lesen, könnte man quasi als den Höhepunkt oder das Herzstück dessen bezeichnen, was Paulus den Korinthern so auf den Weg mitgeben will. Deshalb wird dieser Text auch häufig „Das Hohelied der Liebe“ genannt.

Und Paulus beginnt damit, dass er sagt, dass alles, was er tut – um Gott Ehre zu machen, um heilig zu leben und um einfach das zu tun, was Gott sich von ihm wünscht – vor Gott nichts wert ist, wenn er nicht die Liebe hätte. Alles ist umsonst, wenn ihm die Liebe fehlt.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, was er damit überhaupt meint. Liebe zu wem oder was?
Meint er die Liebe zu anderen Menschen? Wenn ja, zu welchen Menschen? Meint er die Liebe zu sich selbst? Oder meint er die Liebe zu Gott? Oder meint er die Liebe von Gott zu sich selbst? Oder die Liebe von anderen Menschen zu sich selbst? Oder die Liebe von Gott zu den Menschen? Oder die Liebe von den Menschen zu Gott? Und die Antwort auf all diese Fragen ist: „Jep! Ganz genau das ist damit gemeint.“ – Ja, was jetzt davon? – „Ja. Alles.“

Im 22. Kapitel des Matthäus-Evangeliums wird Jesus gefragt, was denn das höchste Gebot ist. Was, Jesus, ist denn jetzt bitteschön die Antwort auf das Leben, das Universum und alles? Und die Antwort, die Jesus gibt, ist nicht: 42, sondern:

37 […] »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt« (5. Mose 6,5).
38 Dies ist das höchste und erste Gebot.
39 Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,18).
40 In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.
(Mt.22,37-40; NGÜ)

Jesus sagt also, das größte Gebot betrifft nicht nur unser eigenes Verhalten, sondern die ganze Beziehungskonstellation aus Gott, den anderen und uns selbst. Wir sehen schon, der Begriff von Liebe, der hier verwendet wird, ist viel umfassender als der, den wir sonst in der Welt kennen. Wir bezeichnen mit Liebe hauptsächlich Zuneigung, Freundschaft, Partnerschaft und Sex, also etwas, was einfach zwischen Menschen stattfindet. Und das ist ja auch nicht verkehrt. Aber weil die Bedeutung von der Liebe, die Jesus und Paulus hier meinen, so viel größer ist als das, was Menschen als Liebe bezeichnen, verwenden sie auch einen anderen Begriff. Im Griechischen steht hier das Wort „agape“ (!!!). Und dieser Begriff bezeichnet vor allem eines, nämlich die Liebe Gottes. Im ersten Johannesbrief heißt es sogar, dass Gott die Liebe – „agape“ – selbst ist (1.Joh.4,8).

Wow, was für ein großer Begriff. Liebe ist also kein Gefühl, das man halt irgendwie hat und das hoffentlich lange bleibt. Es ist auch keine Entscheidung, die man mal vor einem Altar oder einem Standesamt öffentlich macht und die man hoffentlich nicht irgendwann wieder bereut und erklärt, dass man sich bei seinem Versprechen wohl versprochen hat. Nein, Liebe ist eine Person. Gott selbst ist diese Liebe.

Ja, was soll ich jetzt damit anfangen? Liebe ist also essenziell, dass überhaupt etwas in meinem Leben vor Gott Bedeutung hat, es ist ein Beziehungsgeflecht aus Gott, Menschen und mir und außerdem ist Gott selbst die Liebe. Gibt’s da vielleicht mal eine konkrete Erklärung? Oder noch besser, eine Definition, damit wir diesen Begriff ein für alle Mal geklärt haben?
Nein, gibt es leider nicht. Für den Glauben gibt’s so was. Da hat zum Beispiel der Autor des Hebräerbriefes eine tolle Definition gefunden:

1 Was ist denn der Glaube? Er ist ein Rechnen mit der Erfüllung dessen, worauf man hofft, ein Überzeugtsein von der Wirklichkeit unsichtbarer Dinge.
(Hebr.11,1; NGÜ)

Für die Liebe gibt es so etwas nicht. Wenn man aber das liest, was Paulus statt dessen über die Liebe schreibt, spürt man förmlich, wie er selbst so fasziniert von dem ist, worüber er da gerade schreibt, dass er nicht mit der distanzierten Nüchternheit eines Verhaltensforschers eine wissenschaftliche Zusammenfassung geben kann, nach dem Motto:
„Die Liebe ist eine hormonell hervorgerufene Geisteskrankheit, die dem Trieb der Arterhaltung Vorschub leistet und mit der Eheschließung in den meisten Fällen kuriert werden kann.“

Nein, die Worte, die Paulus findet, klingen so:

4 Liebe ist geduldig, Liebe ist freundlich. Sie kennt keinen Neid, sie spielt sich nicht auf, sie ist nicht eingebildet.
5 Sie verhält sich nicht taktlos, sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sie verliert nicht die Beherrschung, sie trägt keinem etwas nach.
6 Sie freut sich nicht, wenn Unrecht geschieht, aber wo die Wahrheit siegt, freut sie sich mit.
7 Alles erträgt sie, in jeder Lage glaubt sie, immer hofft sie, allem hält sie stand.
(1.Kor.13,4-7; NGÜ)

Ist das nicht genial? Das klingt liebevoll, ohne kitschig zu werden. Das sind starke Worte, die gleichzeitig so zärtlich sind. Wie ein Musikliebhaber, der versucht eine wunderschöne Sinfonie zu beschreiben. Wie ein Fußball-Star, der in einem Interview danach gefragt wird, woher seine Leidenschaft für den Sport kommt. Ja, wie ein Mensch, der Gott persönlich kennt und versucht diese Beziehung in Worte zu fassen.

Und wenn Gott die Liebe ist, dann, dürfen wir für „Liebe“ in diesem Text tatsächlich auch mal „Gott“ einsetzen und schauen, wie dieser Text dann klingt:

Gott ist geduldig und er ist freundlich. Er kennt keinen Neid. Gott spielt sich nicht auf noch ist er eingebildet. Er verhält sich nicht taktlos, er sucht nicht seinen eigenen Vorteil. Gott verliert nicht die Beherrschung und er trägt keinem etwas nach. Er freut sich nicht, wenn Unrecht geschieht, aber wo die Wahrheit siegt, freut Gott sich mit. Alles erträgt er, in jeder Lage glaubt und hofft er, allem hält er stand.

Manche Aussagen klingen hier vielleicht merkwürdig, einige Aspekte von Gott kommen vielleicht gar nicht vor und vielleicht sind manche Aspekte tatsächlich auch eher eine Beschreibung, wie diese Liebe, aussieht, wenn sie in uns Menschen und in unseren Beziehungen Gestalt annimmt.
Wenn das die Liebe ist, von der Paulus schreibt, dass wir sie brauchen, dann lasst uns doch mal aufschreiben, wie sie ist und wie nicht.

Das sind zwei mal sieben Eigenschaften der Liebe. Für die Zahlenbegeisterten unter euch: Zwei ist die Zahl der kleinsten Gemeinschaft. Und Sieben ist die Zahl der Vollkommenheit. Diese Verse beschreiben quasi, wie vollkommene Gemeinschaft aussieht (2×7). Ich wünschte wir hätten die Zeit jede einzelne Eigenschaft genauer zu betrachten, aber das würde den Rahmen sprengen. Die Worte, die hinter jeder dieser Eigenschaften stecken, sind gewaltig.
Nur als Beispiel: „Geduldig“ meint hier nicht nur einfach, dass man sich nicht davon nerven lässt, wenn sich jemand mal verspätet. Das Wort meint, dass man einen ersehnten Prozess leidenschaftlich unterstützt, ohne ihn krampfhaft beschleunigen zu wollen. Der Begriff wird in Landwirtschaft verwendet für einen Bauern, der sein Feld bestellt, der alles tut, damit seine Saat aufgeht, der für das richtige Wetter zur richtigen Zeit betet, der danach schaut, dass keine Schädlinge die Ernte angreifen, aber gleichzeitig der Saat auch die Zeit lässt, die sie braucht um aufzugehen.
Was würde passieren, wenn wir so miteinander umgehen? Wenn wir nicht nur einfach akzeptieren, wenn jemand anderes schwierig ist, sondern einander dabei unterstützen, an sich zu arbeiten, füreinander zu beten, und einander dabei die Zeit zu geben, die wir brauchen und dabei erwarten, dass Gott in jedem von uns mehr und mehr Gestalt annimmt.
Was würde das für den Umgang mit uns selbst bedeuten? Wenn ich mich nicht für jeden meiner Fehler verdammen muss, sondern mir die Zeit nehmen darf, zu erkennen, was eigentlich das Problem ist, das dann vor Gott bringen und erwarten darf, dass Gott in mir seine Liebe wachsen lassen will.
Was würde es für unsere Liebe zu Gott bedeuten,?Wenn wir für etwas schon so lange bitten und nicht verstehen, warum Gott noch nicht eingegriffen hat. Und das wirklich an ihn abgeben können: „Gott, du weißt, worum ich dich bitte und du bist derjenige, der es machen kann. Dein Wille geschehe.“

Wie gesagt, jede dieser Eigenschaften ist noch viel größer, als wir auf den ersten Blick sehen. Trotzdem denke ich, erkennen wir auch so schon, dass da bei uns überall noch Potential nach oben ist. In seinem Brief an die Galater schreibt Paulus, dass die Liebe auch zu der so genannten „Frucht des Geistes“ gehört (Gal.5,22). Das heißt, diese Liebe mit ihren Eigenschaften ist etwas, das Gott durch seinen Geist in uns anlegt. Aber sie ist nicht einfach plötzlich so da, sondern sie muss erst in uns wachsen. Und wir sollen Acht darauf haben, dass sie das auch tun kann.

Ich möchte euch ermutigen, in der nächsten Zeit in dieser Beziehungskonstellation Gott, die Anderen und ich darauf zu achten: Wo sehe ich schon Eigenschaften dieser Liebe aufsprießen? Welche Eigenschaften sind vielleicht noch völlig verkümmert? Wo möchte ich Gott oder jemand anderem auch einfach dafür danken, dass ich diese Liebe entgegengebracht bekomme und erleben darf? Und dass wir Gott darum bitten, dass er mit seiner Liebe in unserem Leben immer mehr Gestalt annimmt.

Ich möchte schließen mit dem letzten Vers aus diesem wunderschönen „Hohenlied der Liebe“:

13 Was für immer bleibt, sind Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei. Aber am größten von ihnen ist die Liebe.
(1.Kor.13,13; NGÜ)

Amen.

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