Licht in der Dunkelheit

Licht in der Dunkelheit

Jes. 60, 1+2                                                 Epiphanias – Oßling/Großgrabe, am 06.01.2019

„Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.“

Liebe Gemeinde! Es war eine sehr eindrückliche Zeichnung. Sie hat sich mir bis heute eingeprägt. Es ist mehr als 20 Jahre her. Jugendliche zwischen 14 und 18 sollten ein Bild malen, Thema: Mein Lebensgefühl. Und dann hing es an der Wand: das Bild der Sechszehnjährigen. Und starrte uns an. Da saß eine zusammengekrümmte Gestalt in einer kleinen Höhle, grau, nur in den Konturen zu erkennen, den Kopf auf den Knien, Beine angezogen, Blick nach unten. Der Rest, das gesamte Blatt um die kleine, offene Höhle war vollkommen schwarz. Nur halb rechts ein Paar bösartig, rote Augen mit grünen Schlitzen, wie bei einer Schlange oder einem hungrigen Raubtier. Mein Lebensgefühl, war das Thema. – Mir stand dieses Bild in dem Moment vor Augen, als ich unser heutiges Predigtwort las. „Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker.“ Dem Propheten wurde auch diese Frage gestellt: Was siehst du vom Leben? Ich sehe, sagte er, „Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker.“Die Zuhörer damals wussten sofort – wie wir heute auch – dass der Prophet nicht von einer Tageszeit, etwa Mitternacht, sprach. Er redete von einem Lebensgefühl, von realen Zuständen. – Manche haben nur sich im Blick, sie sind nicht geübt darin, weiter zu sehen, über sich hinaus. Sie meinen, bei Finsternis und Dunkelheit etwas über sich zu hören, ihren Herzenszustand. Ja, es ist nicht zu leugnen: im Menschenherz wohnt viel Resignation, Verzagtheit, Eifersucht, Bindungen und manch andere Dunkelheiten. Es gibt auch Zeitgenossen, die haben ihre Mitmenschen, das Miteinander im Blick. Sie werden auch nicken und sagen: das ist eine treffende Analyse. Es gibt so viel Kälte, Unaufrichtigkeit, Verrat, Konkurrenzdenken und manch andere Dunkelheiten zwischen uns Menschen. Mancher denkt bei den Prophetenworten gar nicht an sich, sondern an die Welt. Er versteht diese Rede politisch und mag denken: Wo ist die Gerechtigkeit auf dieser Welt, die Reichen werden reicher, immer mehr verhungern, Profitgier zerstört die Erde, ob Regenwald, Überfischung, Klimaerwär-mung oder Rüstung und Krieg. Überall Gift, Zerstörung, Kampf ums Wasser, um Land, Kampf der Religionen, soviel Angst und Tränen. Ja, der Prophet redet Klartext, sehr treffend und aktuell: „Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker.“An was haben wir gedacht, als wir von dem Dunkel gehört haben, was die Völker bedeckt? An uns, unsre Familie? Unser Volk, die Politik, die bedrohte Erde, die keuchende, außer Atem gekommene Menschengemeinschaft auf unserm blauen Planeten? Die Zeichnerin anfangs hatte nach innen geschaut und gezeigt: so sieht`s drinnen, in mir aus – Angst, Einsamkeit, Bedrohung, Dunkel. – Unser Predigtwort wird als „prophetisches Wort“ bezeichnet. Was ist denn „prophetisch reden“? 1. Wenn eine Rede nicht bei der Analyse stehenbleibt, sozusagen nur Antwort gibt auf den Ist-Zustand. Analysen hören wir genug. Jede Nachrichtensendung analysiert den Ist-Zustand, meist als Dunkelheit, schlechte Nachricht. Prophetische Rede öffnet 2. einen Hoffnungshorizont. Das geschieht zuerst mit den Worten: „Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit geht auf über dir!“ Ein wunderschöner Weckruf. Aber er ist mir irgendwie auf der Zunge hängengeblieben. Warum bloß ging mir die Analyse der Dunkelheit so leicht über die Lippen? Und der Hoffnungsruf  vom Licht so schwer? Das hat mich beschäftigt. Da war der erste Gedanke: ich möchte mit der Rede vom Licht, vom Herrn, den Hörern keine billige Vertröstung in die Taschen füllen. Billige Vertröstung ist, wenn einem das Leid billig ist, genauer, wenn man sich weder dem Leid der andern nähern, noch sich damit auseinanderset-zen will. Um das Gesicht zu wahren, kleckert man dem Betroffnen Worte über wie: es wird wieder, das Leben geht weiter; hau rein, Alter; lass dich nicht unterkriegen; Zeit heilt Wunden – na dann, mach`s gut! Solche getarnten Lügen sind uns schon manchmal serviert worden. Das lässt mich etwas zögern, frisch und frei jedem zuzurufen: Gott hilft dir, sein Licht kommt zu dir! Und doch glaube ich daran. Ich glaube, dass Gott hilft. Dass sein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn aufgeht über mir! Aber – nur mit mir. Sonst bleibt es dunkel. Das dürfen wir getrost ernstnehmen, wenn Jesus seinen Leuten zuruft: Ihr seid das Licht der Welt. Wenn Dunkelheit Krieg ist, dann ist Frieden Licht. Beides sind Gegensätze: Unversöhnlichkeit – Versöhnung; Härte und Zärtlichkeit; Haben wollen und teilen; Schuld und Vergebung; Einsamkeit – Wärme. Merkt ihr, wie billig Dunkelheit und wie teuer Licht ist. Der Lichtträger hat zu tun, wenn sich Versöhnung, Wärme, Frieden, Zärtlichkeit, Gerechtigkeit, eben Licht ausbreiten soll. Es kostet etwas, mit einem Menschen wie der Zeichnerin in der Höhle, mit diesen schrecklichen, dämonischen Augen vorm Eingang, Leben, Licht zu teilen, Angst zu vertreiben, Lachen zu bringen. So klar ist der Auftrag dieses prophetischen Wortes heute. Prophetisch eben, weil diese Rede von der Analyse zur Ermutigung kommt, einem Hoffnungshorizont öffnet und fast lächelnd sagt: du musst es nicht aus eigner Kraft. Gott gibt dir, so du willst und gehst, Licht. Er will dich zum Friedensmacher, Brückenbauer, Kindertröster, Liedersinger, Zuhörer, Beter, Ermutiger, als Lichtboten gebrauchen. Gott glauben heißt – er gibt mir Licht, nicht um die Helligkeit auszuleuchten, sondern die Finsternis. Davon hat uns der Prophet heute etwas erzählt, von der Kraft und der Aufgabe der Christen: „Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ Amen.

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