Sendboten seines Wortes (Oßling)

Sendboten seines Wortes (Oßling)

Jer 1, 4-10                                                                          9. Sonntag nach Trinitatis – Oßling, am 29.07.2018

 

„Des Herrn Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Ich aber sprach: Ach, Herr, Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der Herr sprach aber zu mir: Sage nicht: Ich bin zu jung, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr. Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.“

 

Liebe Gemeinde! Nach der erfrischenden Dusche, vor sich den dampfenden Kaffee, ist der Kopf klar. Man kennt den Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit. Das Gewitter heute Nacht, das war wirklich, da draußen. Der Traum letzte Nacht, der war nicht wirklich, der war drinnen, im Kopf. Auch Jeremia kennt den Unterschied zwischen Traum und Realität. Mag es nach Sonnenuntergang, begleitet vom Zirpen der Zirkaden gewesen sein. Oder, vor Sonnenaufgang, als er draußen, am Acker des Vaters, betend sich auf den Tag vorbereitet: Es war kein Traum. Nie und nimmer. Es war nicht drinnen im Kopf, als Trugbild der Phantasie. Es war wirklich, außerhalb, ein Ereignis, ein Geschehen: „Des Herrn Wort geschah zu mir.“ Geschehen – dieses Wort meint Begegnung. Ich hatte – so Jeremia – eine Begegnung mit dem Herrn. Diese Stunde wird den weiteren Lebensweg Jeremias entscheidend verändern und bestimmen. Ob wir uns im Rückblick auf unsern eignen Weg auch an Stunden erinnern, wo durch die Anrede Gottes unser Leben eine Weichenstellung, eine andere Bahn bekommen hat? Die Predigt will mit uns danach suchen. Als erstes hört Jeremia einen der großartigsten Sätze, die im Alten Testament zu finden sind: „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete.“ Bei diesen Worten steht mir ein Architekt vor Augen: Bevor der erste Spatenstich erfolgt, ist das Haus in Gedanken, von der Statik bis zum Schornstein fix und fertig. Das gilt auch für unsern Schöpfer und uns. Es klingt, als wollten uns manche Bibelworte zu diesem großen Gedanken ermutigen, als würden sie rufen: Wenn du über Gott nachsinnst, dann denke weit, hoch, tief, lang, so weit und so tief du kannst. Im Psalm 139,16 heißt es: „Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.“ Wie abgrundtief tröstlich, wer darin Gott Vertrauen schenkt: Geburt und Sterben, Liebe und Hass, Erfolg und Versagen, Jugend und Alter, Treue und Verrat, Schuld und Vergebung, Neid und Großzügigkeit, Übermut und Minderwertigkeitsgefühl, Gesundheit und Kranksein – alles weiß Gott bereits, und er verstößt nicht, sondern liebt. Wer das glauben will, solch festen Halt findet in Gott, der kann das nur, wenn er sich von Gott erkannt weiß. Durchschaut in seinen lichten Höhen und abgründigen Tiefen. Jeremias weiß sich von Gott erkannt, bis in sein Innerstes. Deshalb widerspricht er auch nicht, als er diese Worte vernimmt: „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete.“ Wenn Gott Menschen anspricht, ruft, ist es immer ein Ruf in die Einsamkeit. Heraus aus den menschlichen Bindungen hinein in die Gottesbeziehung. Geh aus deinem Vaterhaus – hörte Abraham. Die Apostel waren Herausgerufene und bekannten vor dem Hohen Rat: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Jeremia hört: „Ich sonderte dich aus, ehe du von deiner Mutter geboren wurdest.“Herausrufen, aussondern heißt vom Hebräischen her: „heiligen“. Ich heiligte dich – hört Jeremia – vor deiner Geburt. Wir aufgeklärte Humanisten wenden ein: Also, Jeremia wird nicht gefragt. Er kann sich nicht dagegen entscheiden. So geht das aber nicht. Das Alte Testament kennt, so auch hier, nur die Auffassung: Gott kann machen, was er will, mit seiner Erde und seinen Menschen. Sie sind sein Eigentum. (Ps 24,1) Gott hat nur seine Besitzrechte an Jeremia geltend gemacht. Ich habe ein kleines Kind vor Augen, das getauft wird. Es kann zwar schreien, aber weder Ja noch Nein sagen. In der Heiligen Taufe meldet Gott seine Besitzrechte an und sagt: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.“ (Jer 43,1) Dass Gott mich vor meiner Zeugung gekannt hat und als winziges Menschlein in der Taufe ausgesondert, geheiligt hat – ist für meinen Verstand zwar nicht fassbar. Vom biblischen Zeugnis aber glaubhaft. So haben wir in der Taufe wohl eine Berufung, aber doch sehr verschiedene Berufe. Jeremia wird in das Zentrum der Weltpolitik gestellt: „Ich bestellte dich zum Propheten für die Völker.“ Das war Gottes Entschluss für den Menschen Jeremia. Völkerpropheten sind wir nicht, aber was dann? Was mögen die Gedanken Gottes über unser Leben sein? Jeremia lehnt das Prophetenamt ab. Er verpackt seine Abwehr in zwei plausibel klingende Ausreden: a) kann ich nicht predigen und b) bin ich zu jung: „Ach Herr, Herr, ich tauge nicht zu predigen, denn ich bin zu jung.“ Sofort verspürt er die große Last des Amtes. Dieser Auftrag ist ihm nicht geheuer. Auch später hätte er immer wieder sein Prophetenamt nur zu gern an den Nagel gehängt. (Kap 11; 12; 15-17; 20) Gott aber lässt keine Einwände gelten. Fehlende Fähigkeiten, mangelnde Erfahrung und vermeintlichen Schwächen spielen keine Rolle. Jochen Klepper dichtet nach so einer Erfahrung: „Er spricht wie an dem Tage, da er die Welt erschuf. Da schweigen Angst und Klage; nichts gilt mehr, als sein Ruf.“ (EG 452,2) Jeremia hört: „Der Herr aber sprach zu mir: Sage nicht: ich bin zu jung, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.“Die nun folgende Verheißung umschreibt die Gefährlichkeit des Auftrages:„Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr.“Jeremia lässt sich auf Gottes Ruf ein und erfährt immer wieder Gottes Beistand und Hilfe. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Gehorsam und erfahrbarer Hilfe: Wer Gottes Ruf folgt, erlebt auch seinen Beistand. Als Jeremia ruft: Ich tauge nicht zum Predigen, meint er – ich habe keine Worte, mein Mund, Kopf ist leer. Da wird Gott handgreiflich: „Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an.“ – Jeremia redet so menschlich von Gott, als würde vor ihm ein Mann oder ein Kind stehen. Ist es nicht seltsam, von „Gottes Hand“ zu reden?„Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.“ Das ist Jeremias Ordination. Der predigen soll bekommt auch das Wort. Das Unerhörte geschieht: Gottes Wort in Menschenmund. – Sehr bewegt las ich Franz Werfels Roman „Jeremias“. Er beschreibt, dass Jeremia durch seine Predigen solchen Hass hervorruft, dass sie ihn packen und in eine tiefe Abfallgrube werfen. Da steckt er nun bis zum Nabel im ekligen Modder, zwischen Kot und Tieraas und atmet verpestete Luft. Und will verstehen. Er versucht den Sinn seines Leidens auf Gott hin zu durchdringen: Weshalb Herr, stecke ich unschuldig im Schlamm? Da wird ihm seine Lage klar. Er versteht seinen Gott. Er erfasst das Grauen und den Ekel, die den Herrn erfüllen muss, wenn er sein Wort, dieses heilige, reine, machtvolle, liebende, herab sandte. Damit es aus einem menschlich-leiblichen Gehäuse ertöne. Jeremias schlimme Lage in der Kotgrube entsprach der schlimmen Lage des göttlichen Wortes, das unermüdlich immer wieder niederstieg, um Israel zu erretten. Und immer wieder unerhört verschmachten musste in Untreue, Sünde, Götzendienst, Liebesverrat und alles, was sich von der urersten Freude hassvoll entfernte. Da überfluteten den herabgestürzten in seinem Pfuhl ein warmes Erbarmen mit seinem leidenden Gott, und er hob seine Hände empor in großer Innigkeit. (F. Werfel. Jeremias S. 488f.) Er ist 25 Jahre als er hört: Du sollst einreißen und zerstören, bauen und pflanzen. Du, Jeremia, bist meine Abrissbirne, mein Unkrautjäter, mein Landschaftsgärtner und Architekt. Wenn du sprichst, werden meine Worte in deinem Mund die Kraft des Feuers und die Wucht des Hammers haben, der Felsen zerdrischt. (Kap 23,29) Die Heilige Schrift ist voll von Beispielen, dass Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist. Gott macht sensible, mutlose, schüchterne, verzagte Leute zu Sendboten seines Wortes. Keiner – so Martin Luther – keiner soll den Glauben fahren lassen, dass Gott durch ihn etwas Großes tun will. Amen.

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