„Heilig“ – krasses Wort. Das wird heute noch einmal wichtig werden.
Ich habe im letzten Jahr mal wieder – mit sehr viel Zeit – die Bibel durchgelesen. Und damit ich nachher auch noch etwas davon habe und nicht nur sagen kann: „Ich habe die Bibel durchgelesen“, habe ich sie markiert – mit ganz vielen bunten Farben.
- Rot für Gnade und Vergebung.
- Blau für alles, was Gottes Wesen beschreibt.
- Grün für Verheißungen, Versprechen, Zusagen.
- Gelb für Wunder und Heilungen.
- Orange für alles rund um Berufung und Auftrag.
- Braun für alles, was mit Gerechtigkeit, Gericht und Sünde zu tun hat.
Ich habe mir extra neue Farben gekauft. Ich habe sie wirklich nur für diese Bibel benutzt – nur für dieses Markieren.
Und ich möchte euch einfach zeigen, wie meine Stifte nachher aussahen.

Zur Einordnung: Die Stifte waren am Anfang ungefähr so groß wie „Gnade“ und „Gerechtigkeit“ zusammen.
Nun kann es natürlich sein, dass ich mit Braun immer besonders heftig aufgedrückt habe – aber mengenmäßig überragt das Thema Gericht, Sünde, Schuld das Thema Gnade bei Weitem.
Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Denn wir sprechen sehr wenig über dieses Thema. Dafür sprechen wir viel häufiger über das anteilsmäßig viel kleinere Thema Gnade. Wir fokussieren uns auf die gute Nachricht – griechisch: Evangelium. Und das ist auch richtig. Die Botschaft, die wir als Christen haben, ist gut. Sie ist die beste.
Aber mit guten Nachrichten ist es so: Man muss sie im Kontext verstehen.
Wenn dir jemand die Hand reicht, ist das meistens eine gute Nachricht. Da ist jemand freundlich, sagt Hallo, ist dir nicht böse. Gute Nachricht.
Aber wenn du dich mit letzter Kraft an einer Klippe festhältst, unter dir der Abgrund, und du kommst allein nicht mehr hoch – und dir reicht jemand die Hand – dann ist die Botschaft zwar dieselbe, aber ihre Bedeutung ist eine völlig andere.
Und ich glaube, so ist es auch mit Gottes Gnade und Gottes Gericht.
Michael Herbst – einigen aus unserer Gemeinde von Willow Creek oder der Summerschool bekannt – hat einmal gesagt:
Wir können das Gericht Gottes nicht aus unserem Glauben eliminieren. Es wäre fahrlässig, das Gericht zu unterschlagen. Es würde ja auch nicht ausbleiben, nur weil wir es nicht haben wollen. So sehr Jesus um jeden ringt, so groß ist sein Ernst. Es geht um Leben oder Tod.
Und deswegen möchte ich euch heute mitnehmen in Gottes Gerichtsküche. Und auch wenn das keine leichte Kost ist, möchte ich trotzdem versuchen, sie euch ein bisschen schmackhaft zu machen.
Ich habe sieben der prominentesten Gerichte zu einem Menü zusammengestellt.
Willkommen bei „The Taste – Judgment Edition“.
Haltet euch fest.

Erster Gang: Der Sündenfall (Vorspeise)
Gott schafft den Menschen als Krönung der Schöpfung und setzt ihn in einen Garten, um dort in perfekter Harmonie mit ihm, mit sich selbst und mit der ganzen Schöpfung zu leben.
Doch schon im dritten Kapitel kommt es zum GAU: Der Mensch isst von dem einzigen Baum, von dem Gott gesagt hatte, dass er nicht davon essen soll – vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, verführt von der Schlange.
Die Folge: Gott vertreibt den Menschen aus dem Garten – und damit auch aus seiner Gegenwart.
Und damit nicht genug: Das Leben wird anstrengend, entbehrungsreich und zeitlich begrenzt.
Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zum Erdboden zurückkehrst; denn von ihm bist du genommen. Denn Staub bist du, und zum Staub wirst du zurückkehren.
Hat Gott da vielleicht übertrieben? Vegetarische Ernährung – und dann gleich raus aus dem Garten? Hätte es nicht erst mal eine Verwarnung getan?
Ich glaube: nein.
Was dort passiert, ist viel tiefer. In dem Moment, wo sie von der Frucht essen, gehen ihnen die Augen auf. Sie erkennen, dass sie nackt sind. Sie schämen sich voreinander und vor Gott. Sie verstecken sich.
Eine Trennung ist da – zwischen den Menschen und zwischen Gott und den Menschen.
Gott kann nicht einfach so tun, als wäre nichts gewesen. Gott ist heilig, vollkommen, rein. Er kann das Unreine nicht in seiner Gegenwart lassen. Die Trennung ist innerlich längst vollzogen – das, was Gott ausspricht, ist nur noch die äußere Konsequenz.
Und er tut es auch aus Schutz: Damit der Mensch nicht auch noch vom Baum des Lebens isst und ewig in dieser Trennung lebt.
Das ist unglaublich tragisch. Der Mensch lebt nicht mehr ewig in dieser perfekten Harmonie. Aber Gott entzieht sich nicht nur zur Strafe, sondern auch zum Schutz: Besser der Mensch stirbt, als ewig von Gott getrennt zu leben.
Und auch das mühsame Leben ist eine ständige Erinnerung: So sollte es nicht sein.
Wenn du Schmerzen hast, Abschied nehmen musst, Leid siehst – und denkst: Das kann doch nicht richtig sein. Nein, das ist es auch nicht. Das ist nicht Gottes Plan. Das ist kaputt.
Gott drängt uns, uns nach Erlösung zu sehnen.
Und Gott gibt schon hier Hoffnung: Er verheißt, dass der Nachkomme der Frau der Schlange den Kopf zertreten wird – auch wenn er selbst dabei leidet.
Und Gott macht Adam und Eva Kleider aus Fellen. Zum ersten Mal stirbt ein Lebewesen, um die Scham eines anderen zu bedecken.
Schon hier bahnt Gott einen Weg der Gnade.

Zweiter Gang: Die Sintflut
Das Böse breitet sich aus. Gottes Bilanz:
Als der Herr sah, dass die Bosheit des Menschen groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten seines Herzens nur böse war immerdar, da reute es den Herrn, dass er den Menschen gemacht hatte.
Gott leidet. Gott bereut. Nicht, weil er einen Fehler gemacht hätte – sondern weil die Schöpfung pervertiert ist.
Gott handelt als Schöpfer, als Urheber. Er hat das Recht, sein Werk zu richten.
Tragisch ist, dass er es tut. Und man merkt: Es fällt ihm nicht leicht.
Und doch rettet er Noah und seine Familie.
Nach der Flut bringt Noah ein Opfer – und Gott sagt:
Ich will künftig den Erdboden nicht mehr verfluchen um des Menschen willen …
Gott beschränkt sich selbst in seinem Gericht. Der Mensch ist böse – aber er ist fähig, sich Gott zuzuwenden. Und das macht einen Unterschied.

Dritter Gang: Sodom und Gomorra
Lot lebt in Sodom. Abraham bittet für die Stadt. Gott will sie verschonen, wenn er zehn Gerechte findet.
Er findet sie nicht.
Lot wird gerettet – aber Sodom nicht aus Lot heraus.
Das ist die Tragik: Anpassung an eine gottlose Umgebung verändert den Charakter.
Diese Geschichte fragt uns:
Sind wir wie Lot? Oder wie Abraham, der bittet und ringt?

Vierter Gang: Die zehn Plagen in Ägypten
Gottes Gericht zerstört – aber mit einem Ziel: Befreiung.
Gott richtet Ägypten, um Israel in die Freiheit zu führen – nicht in die Bequemlichkeit, sondern in einen Weg mit ihm.
Und: Wer Gottes Volk antastet, tastet seinen Augapfel an (Sacharja 2,12).
Aber Freiheit heißt nicht Rückkehr in alte Sicherheiten. Das Volk wollte zurück in die „Fleischtöpfe Ägyptens“. Lieber Sklaverei als Freiheit.
Diese Gefahr gibt es bis heute.

Fünfter Gang: Das babylonische Exil
Israel missbraucht seine Sonderstellung. Micha sagt:
Die Anführer lassen sich bestechen … und sagen: ‚Der Herr ist mitten unter uns, uns kann nichts passieren.‘
Doch Gott lässt sich nicht spotten – auch nicht von seinen eigenen Leuten.
Wen der Herr liebt, den erzieht er. (Hebr 12,6)
Erziehung ist kein Liebesentzug – sondern ein Liebesbeweis.
Nach 70 Jahren führt Gott sein Volk zurück.

Sechster Gang: Das Kreuz – Hauptgang vom Chef
Das Böse ist immer noch da. Es konnte nicht ertränkt, nicht verbrannt, nicht verbannt werden.
Die einzige Lösung: Gott wechselt die Rolle.
Der Richter lässt sich richten.
Jesus nimmt das Gericht auf sich.
Die Strafe lag auf ihm, damit wir Frieden hätten. (Jesaja 53)
Interessant: Gott greift nicht ein. Kein Feuer vom Himmel. Kein neues Gericht. Die Menschen richten Gott selbst.
Gott lässt zu, dass unser Hass, unsere Schuld, unsere Gewalt ihn treffen.
So wie Gott Adam und Eva bekleidete, bedeckt er jetzt unsere Schuld.
So wie Noah durch das Gericht geführt wurde, werden wir durch Jesus hindurchgeführt.
Wer ihm vertraut, kommt nicht ins Gericht.

Siebter Gang: Das Endgericht (Dessert)
Es steht noch aus. Die Offenbarung spricht deutlich davon.
Gott wartet – weil er retten will:
Denn Gott hat uns nicht zum Zorngericht bestimmt, sondern zum Heil. (1. Thess 5,9)
Gnade und Gericht sind keine Gegensätze. Es ist dieselbe Heiligkeit Gottes.
Und die Bibel endet nicht mit Gericht, sondern mit Gnade:
Ja, ich komme bald. Amen. Ja, komm, Herr Jesus. Die Gnade des Herrn Jesus sei mit euch allen.
So endet die Bibel.
Gott ist durch all seine Gerichte hindurch gut.
Und er macht uns bereit für die Heiligkeit, zu der wir bestimmt sind.
Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist. Wohl dem, der auf ihn traut. (Psalm 34,9)
Amen.