Erntedank (Oßling)

Erntedank (Oßling)

Lk 12, 13-21                                                         Erntedankfest – Oßling, am 08.09.2019

„Es sprach einer aus dem Volk zu Jesus: Meister, sage meinem Bruder, dass er das Erbe mit mir teile. Er aber sprach zu ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbschlichter über euch gesetzt? Und Jesus sprach zum Volk: Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat. Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mann, dessen Feld hatte gut getragen. Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle. Und sprach: Das will ich tun: ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen, und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss und trink und habe guten Mut! Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast? So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist  nicht reich bei Gott.“

Liebe Gemeinde! Beim ersten Lesen des Predigttextes kamen mir spontan zwei Gedanken: 1. mich stört der Text und 2. getroffne Hunde bellen. Dieses Wort Jesu tritt als Störenfried mitten in unseren schönen Erntedankgottesdienst – aber was stört mich eigentlich, warum bin ich betroffen? Ich will mir das Erntedankfest nicht mit einer Moralpredigt versalzen lassen, das ist es. Damit mache ich mich auch schon zum Anwalt für den Kornbauern. Er führt einen blühenden Betrieb, schreibt schwarze Zahlen, keine Entlassungen. Sehr gut. Punkt. Außerdem geht er sehr sorgsam mit den Erträgen um. Nichts anderes ist heute geboten. Er denkt an  Altersvorsorge. Das ist auch Thema unter uns. Damit will ich feststellen: Gute Unternehmensführung, gewissenhaftes Handeln, weitsichtige Altersvorsorge dürfen nicht unter den Generalverdacht der Habgier gestellt werden. Übrigens erzählt Jesus ja von diesem Unternehmer und seiner Lebensplanung, weil ihn einer öffentlich auffordert:„Herr, sag meinem Bruder, dass er mit mir das Erbe teile.“Das kennen wir – Erbstreitigkeiten. Aber ist es schon Habgier, wenn ich bekommen will, was mir zusteht? Warum denn nur diese schroffen Antworten Jesu. Dem Erbberechtigten erteilt er die Abfuhr: Macht euern Mist alleene. Dem umsichtigen Landwirt bescheinigt er ein total verfehltes Leben. Sofort, oben drauf, das Wort „Habgier“: Du und ihr alle, hütet euch vor Habgier! Kornbauer hin, Kornbauer her, Jesus würde heute andere Geschichten erzählen, aber sein Thema bliebe: mangelnder Ausgleich. Da ist ein riesiges Ungleichgewicht, aber wo wird es ausgeglichen? Wir beobachten eher das Gegenteil, wenn wir sagen: die Schere geht immer weiter auseinander. Stichwort: Kein Ausgleich. Jeder sieht das – Gewinne werden privatisiert, Schulden aber sozialisiert. Wer lenkt das so? Einige horten Geldberge, aber die Staatsverschuldung hat längst die 1000-Milliardengrenze überschritten. Gier und Gewissenlosigkeit heißt die Seuche. Unter diesem Blickwinkel fangen jetzt einige Worte unseres Predigttextes an zu flackern. Sechsmal sagt der Kornbauer „ich“ und viermal „mein“. Das spricht jetzt doch Bände. Mein Haus, mein Geld, meine Leistung, meine Sicherheit, meine Frau, meine, meine, meine… Ein Mensch wird uns hier vor Augen gestellt, der sein Leben nur aus der winzigen, ameisenhaften Perspektive „ich und mein“ führt und somit komplett verfehlt, ein in sich Verkrümmter. Damit sehen wir nicht nur den großen Unternehmer, sondern jetzt auch seine verkrümmte Seele, gefangen wie ein Huhn im Käfig einer Legebatterie. Das würden wir dann doch nicht als Lebensqualität bezeichnen. Ein Reicher in großer Armut. Damit spricht Jesus das Thema an: Große Gaben – kleine Herzen. Viel bekommen – nichts damit tun. Nicht seine Scheunen, sein Herz hätte er weiten  sollen. Aber er bleibt in dem in sich geschlossnen System von „ich und mein“. Angesammeltes bildet ein Suchtpotential. Genug – ist nie, deshalb Hab-sucht. Habsucht macht einsam, denn die angehäuften Vorräte sind stumm. So bleibt ihm nur dieses, sein seltsames Selbstgespräch. Darin ist von einer tiefen, sehr tiefen Müdigkeit die Rede. Hier spricht ein erschöpfter, ruhebedürftiger Mensch. Einer sucht Ruhe für seine zermarterte, gefangne Seele und er sucht sie – wie befremdlich – in Essen, Trinken und Ersparnissen. Und schon bin ich in der Gegenwart. Wie gesagt, getroffne Hunde bellen. Trost suchen in Essen, Trinken und allem, was mir gehört, was ich mir erarbeitet, erspart habe – das ist uns doch nicht fremd. Nein – es ist mir nicht fremd. Wie hoch ist unser eigner Anteil am Rennen und Sammeln, am Sorgen und Schaffen im Laufrad unsres Miteinanders? Stehen wir über all dem, oder sind wir mittendrin? Die große Müdigkeit unsrer Gesellschaft hat ihre Ursache im „Haben-wollen“. Die müden Seelen sind schlicht unterernährt. Essen, Trinken stärken den Körper, aber die Seele braucht andere Nahrung. Seele braucht Gegenüber, braucht Menschen als Gegenüber. Dazu: Gott als Gegenüber – seine Liebe, die mir Frieden gibt über mein woher und wohin. Im Psalm 62 ist einem mitten in Bedrängnis und Not der Durst seiner Seele gestillt wurden und er ruft: „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.“Ganz anders hier der Kornbauer. Er verwechselt die Beruhigung durch materiellen Wohlstand mit der Erlösung seiner Seele. Er bastelt sich ein Kartenhaus des Seelenfriedens aus Geld: „Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss und trink und habe guten Mut.“Leben der Seele hängt aber nicht am Haben. Und mit Ersparnissen kann man dem Sensenmann kein Schnippchen schlagen. Alle seine Überlegungen erweisen sich mit der Ankündigung des Todes als hinfällig. Tragischerweise ist nichts revidierbar. Es ist vorbei: „Heute Nacht“,spricht Gott zu ihm,  „wird man deine Seele von dir fordern und wie arm, nackt und verkrümmt stehst du dann da?“ Wie stehen wir dann da? Jesus redet hier von der persönlichsten Stunde unseres Lebens, unserm Stündlein. Da werden alle Fassaden fallen. Dann kommt zum Vorschein, wer wir in Wahrheit sind: Reich oder arm in Gottes Augen. Jesus scheint seine Zuhörer zu ermuntern, reich bei Gott zu werden. Es ist eine Überlegung wert, was wahrer Reichtum ist – nicht im gesellschaftlichen Denken, nicht nach unsrer persönlichen Meinung, sondern vor unserm Erfinder. Was hat vor Gott Wert? Verzichten wir doch getrost mal auf Allgemeinplätze, sondern hören die Meinung unseres Predigttextes. Wir kommen durch einen Umkehrschluss zur Antwort. Vom Kornbauern sagt Jesus: Dieser ist nicht reich bei Gott. Es wird nicht getadelt, was er getan, sondern was er nicht getan hat mit seinem Vermögen. Vermögen ist auch, was einer vermag. Wir hören schon den doppelten Klang. Vermögen – bezeichnet das Haben, aber auch das Können. Was kann also ein Vermögender? Er hat von Gott das Vermögen bekommen Gutes zu tun, Gott mit seinem Besitz zu ehren, wie es in Sprüche 14,31 heißt:„Wer sich des Armen erbarmt ehrt Gott.“Er hatte die Freiheit Gott zu ehren. Aber das vermag dieser vermögende Kornbauer nicht. Und schon wird der Besitz zum Besitzer. Der Mensch hat nicht mehr das Vermögen, sondern das Vermögen hat ihn. In dieser großen Gefährdung standen Jesu Zuhörer damals und sie vernahmen seine Warnung: „Achtet darauf und hütet euch vor allem Habenwollen, niemand lebt davon, dass er hat.“ Der einzige und wirksamste Schutz ist das Geben, Loslassen. Wir verzichten auf die Sorge zu kurz zu kommen. Wir öffnen unsere Hände, teilen, handeln solidarisch. Wir geben, was wir vermögen und lassen uns täglich erinnern: freizügig, verschwenderisch, gütig und großzügig teilt unser himmlischer Vater täglich aus. Niemand lebt davon, dass er viel hat. Aber wir alle leben davon, dass Gott gut zu uns ist. Amen.                                               

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