„Denn wie wir in einem Leib viele Glieder haben, aber die Glieder nicht alle dieselbe Tätigkeit haben, so sind wir die vielen ein Leib in Christus, einzeln aber Glieder voneinander. Da wir aber verschiedene Gnadengaben haben, nach der uns gegebenen Gnade, so lasst uns sie gebrauchen. Es sei Weissagung in der Entsprechung zum Glauben, es sei Dienst im Dienen, es sei der Lehrt in der Lehre, es sei der, der ermahnt in der Ermahnung, der abgibt in Vielfalt, der vorsteht mit Fleiß, der Barmherzigkeit übt mit Freudigkeit.“ (Römer 12,4–8)
Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber als ich diesen Text das erste Mal gelesen habe – oder auch immer wieder, denn es ist ja ein sehr bekannter Predigt- und Bibeltext – entstand in meinem Kopf immer folgendes Szenario: Die Gemeinde ist ein Körper, der Christus widerspiegelt, und ich bin ein Glied daran.
Vielleicht ein Arm, weil ich gerne anpacke. Vielleicht ein Ohr, weil ich gern zuhöre. Vielleicht ein Bein, weil ich Ausdauer habe, oder ein Mund, weil ich gern singe oder predige. In meinem Kopf rattert dann immer ein kurzer Gaben-Check: Was hat Gott eigentlich in mich hineingelegt?
An dieser Stelle hören die meisten Gedanken, die ich mir um diesen Bibelvers gemacht habe, aber auch wieder auf. Und es ist ja auch nicht ganz falsch. Denn wenn wir nur Vers 4 und 5 betrachten würden, in denen es heißt:
„Denn wie wir in einem Leib viele Glieder haben, aber die Glieder nicht alle dieselbe Tätigkeit haben, so sind wir die vielen ein Leib in Christus, einzeln aber Glieder voneinander.“
Liest man nur das, ist es nicht falsch, an dieser Stelle den Gedankengang zu beenden. Aber unser Predigttext heute Morgen ist eben noch ein paar Verse länger.
Sind wir festgelegt?
Obwohl ich im Studium gelernt habe, dass man, wenn der Text bereits ein Bild vorgibt, am besten bei diesem Bild bleibt, möchte ich es heute etwas anders machen. Ich glaube nämlich, dass das Bild dieses Textes missverstanden werden kann. Missverstanden, weil es den Eindruck vermitteln kann, wir wären festgelegt – festgelegt auf die eine Gabe, die Gott irgendwann einmal zu unserer Geburt in uns hineingelegt hat.
Ich überspitze einmal: Wenn du gut mit Kindern kannst, dann ist es gesetzt, dass du im Kindergottesdienst, in der Regenbogenstraße, im Korendo oder im Familiengottesdienst mitmachst. Ob dir das Spaß macht, völlig egal – du machst das nämlich auch ohne Spaß ganz super.
Anderes Beispiel: Wenn du ein halbwegs guter Handwerker bist, dann hast du hier zu sein, wenn wir das Dach neu decken, wenn wir die Balken abschleifen, wenn die Tische kaputt sind, das Stuhlbein wackelt, der Ofen nicht funktioniert, der Kühlschrank ausfällt – die Liste ist noch sehr lang, glaubt mir. Egal, ob du Rücken hast und dir Heben eigentlich schwerfällt – dein Dienst ist es, weil du machst das auch unter Schmerzen ganz prima.
Ich hoffe, ihr wisst, wie ich das meine. Das Bild vom Leib und den Gliedern kann uns den Eindruck vermitteln, wir wären auf das eine Körperteil festgelegt. Aber ich glaube nicht, dass das ist, was der Text meint.
Was sind Gnadengaben?
Schauen wir genauer hin: Der Text spricht nicht nur von deinem Talent, Kinderbücher vorzulesen, Bänke zu reparieren oder Bach-Kantaten zu trällern. In Vers 6 heißt es, wir haben von Gott Gnadengaben empfangen. Auf Griechisch steht dort das Wort „Charisma“.
Charisma heißt: eine von Gott wohlwollend gespendete Gabe. Ein Gnadengeschenk, das uns dazu befähigt, ihm zu dienen.
Diese Gnadengaben gab es bereits im Alten Testament. Eine solche Gnadengabe war zum Beispiel die besondere Stellung des Volkes Israel unter allen anderen Völkern. Das war eine Gnadengabe, die Gott bereits im Alten Testament zugesprochen und geschenkt hatte.
Im Neuen Testament lesen wir beispielsweise von der Errettung aus Todesgefahren oder vom Gnadengeschenk der Erlösung.
Ich springe mit uns in 1. Korinther 12,8–10:
„Dem einen wird durch den Geist ein Wort der Weisheit gegeben, dem anderen ein Wort der Erkenntnis durch denselben Geist, einem anderen Glaube in demselben Geist, einem anderen die Gabe, gesund zu machen, in dem einen Geist, einem anderen die Kraft, Wunder zu tun, einem anderen prophetische Rede, einem anderen die Gabe, die Geister zu unterscheiden, einem anderen mancherlei Zungenrede, einem anderen die Gabe, sie auszulegen.“
Auch im Römerbrief und im Epheserbrief finden wir solche Aufzählungen. Diese Dinge kennen wir oft unter dem Begriff „Geistesgaben“ – Weisheit, Erkenntnis, Glaube, Heilung und so weiter.
Daraus ergibt sich eine grundlegende Unterscheidung:
Nicht alle Gnadengaben sind Geistesgaben. Aber alle Geistesgaben sind Gnadengaben.
Wir müssen also unterscheiden zwischen unseren Gaben im Sinne von Fähigkeiten und Talenten, die wir haben oder erwerben, und Gaben im Sinne von Geistesgaben, also Gaben, die der Heilige Geist in uns bewirkt.
Der Heilige Geist – der Helfer
Als Jesus die Erde in menschlicher Gestalt verlässt, lässt er uns nicht allein, nicht als Waisen zurück. Er sagt, er wird jemanden schicken, der an seiner Stelle kommt und mit uns lebt.
Und er sagt das nicht nur tröstend, sondern in Johannes 16,7:
„Es ist gut für euch, dass ich weggehe.“
Könnt ihr euch das vorstellen? Der Herr der Herren, der perfekte Mensch auf dieser Welt, der uns alle rettet, sagt, es ist gut für uns, dass er geht. Das gibt diesem Helfer, den er schickt, einen ganz besonderen Wert.
Dieser Helfer, dieser Tröster, ist der Heilige Geist. Und dieser Heilige Geist ist es, der diese Geistesgaben, diese Gnadengaben in uns bewirkt.
Aber wir sind eben nicht auf eine einzige festgelegt.
Wenn dein Arbeitskollege zu dir kommt und sagt: „Ich habe heute ganz besonders Kopfschmerzen“, dann sagst du nicht: „Ich würde jetzt gerne für dich beten, aber ich habe die Geistesgabe der Gastfreundschaft bekommen, also kann ich dir höchstens ein Schnitzel braten.“
Der Heilige Geist lebt in uns – in jedem von uns, der Jesus Christus als Herrn angenommen hat. Und wenn dem so ist, dann kann der Heilige Geist zu jeder Zeit schenken, was gebraucht wird. Er entscheidet, nicht wir.
Wir sind alle Fußballer
Jetzt der Schritt zurück zu einem anderen Bild – und damit zu einem hoffentlich weniger engen Verständnis dieses Textes.
Im Herrenteam des VfB spielen alle Fußball. Jeder, egal auf welcher Position er eingesetzt wird, kann Fußball spielen. Das heißt: Er kann den Ball annehmen, verteidigen, dribbeln, schießen, flanken und so weiter. Er hat Ausdauer, kann sprinten, kennt die Regeln und beherrscht Taktik und Kommunikation im Team.
In allererster Linie sind alle Spieler auf dem Feld Fußballer.
Und das ist mein erster Punkt heute Morgen: Wir sind alle Fußballer.
Denn genauso darf man diese Bibelstelle verstehen. In allererster Linie sind wir Nachfolger Jesu. Menschen, die vom Heiligen Geist angeleitet werden und von Gott Gnadengaben bekommen – nicht reduziert auf eine Position, nicht nur ein einzelnes Körperteil.
Darüber hinaus – und ich sage bewusst nicht „aber“ – sind wir aufgefordert:
„Dient einander mit den Fähigkeiten, die Gott euch geschenkt hat. Jeder und jede mit der eigenen besonderen Gabe. Dann seid ihr gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes.“
Das widerspricht sich nicht. Es heißt nur: Wir sind aufgefordert zu trainieren.
Training und Position
Obwohl alle Spieler den gleichen Sport beherrschen, spielt jeder an einer bestimmten Position, die er besonders gut ausfüllt. Der eine verteidigt und wehrt Angriffe ab, der andere steht im Tor, der dritte stürmt nach vorne und schießt die Tore.
Jeder an seiner Stelle weiß, was er zu tun hat. Jeder an seiner Stelle macht seinen Job gut – so gut, dass das Team am Ende gewinnt.
So dürfen wir auch diese Bibelstelle verstehen. Der Heilige Geist kann alle Gnadengaben schenken. Aber er muss es nicht. Er entscheidet, nicht wir. Wir können zu jeder Zeit um jede Gnadengabe bitten. Aber er wird sie schenken oder auch nicht – weil er allein weiß, was gut ist und gebraucht wird.
Natürlich darf der Torwart auch mal fragen, ob er Stürmer sein darf. Aber es obliegt dem Trainer zu entscheiden, ob das klug ist oder nicht. Und wenn der Trainer sagt: „Ja“, dann muss der Torwart für diese neue Position trainieren.
In unserem Predigtext heißt es: „Es sei der Lehrende in der Lehre, es sei der Ermahnende in der Ermahnung.“
Du hast von Gott eine Gnadengabe geschenkt bekommen. Dann gilt es, diese Gabe zu praktizieren, zu trainieren, zu üben, zu verwalten – sie zur Ehre Gottes einzusetzen.
Fußball ist ein Teamsport
Und damit komme ich zu meinem letzten Punkt: Fußball ist ein Teamsport. Niemand spielt Fußball allein.
Stellt euch ein Spiel vor, in dem nur der Torwart auf dem Platz steht. Oder nur der Stürmer. Das Spiel wäre ziemlich schnell vorbei oder sehr langweilig.
„So sind wir ein Leib in Christus, einzeln aber Glieder voneinander.“
Erst im Zusammenspiel mit allen – und ich meine wirklich allen – entsteht das Ganze: mit den zehn anderen Teammitgliedern auf dem Feld, mit dem Trainer am Seitenrand, mit den Ersatzspielern, den Teamärzten, den Schiedsrichtern, den Linienrichtern, den Sicherheitskräften, den Technikern im Hintergrund, den Sanitätern und, und, und.
Zu einem Fußballspiel gehören viel mehr als die Elf auf dem Platz.
Unsere Gemeinde ist kein Einzelkämpfersport. Unsere Gottesdienste, unsere Gemeindearbeit, unsere Angebote unter der Woche, unsere Hauskreise – alles, was wir im Namen Jesu hier vor Ort tun – dürfen wir als Trainingslager verstehen.
Wir lernen uns kennen, wir teilen Alltag, wir trainieren unsere Gaben, unterstützen uns, beten füreinander, treten füreinander ein, lernen von Gott, verbringen Zeit mit ihm und miteinander. Und hoffentlich haben wir bei all dem auch eine Menge Freude.
Ein Wort zum Ehrenamt
Heute feiern wir Ehrenamts-Danke.
Wir wollen als Leitung Danke sagen für eure Gaben, dafür, dass ihr euch einbringen lasst, dass ihr trainiert, dass ihr euch herausfordern lasst.
Ihr seid keine zweitklassigen Ersatzspieler auf der Bank. Ihr seid nicht nur die, die im Hintergrund arbeiten. Ihr seid das Team. Es braucht euch – euer Training, eure Stimme, eure Gaben, euer Dasein, euer Mitmachen. Es braucht euch, damit wir Gemeinde sein können.
Und liebe Leitung: Auch wir sind kein starres Stadion. Wir sind kein unverrückbares Gebäude. Auch wir sind Teil des Teams. Auch wir dürfen und müssen trainieren. Auch wir müssen hören, wo der Heilige Geist uns positioniert.
Positionen verändern sich. Und das darf so sein.
Geht’s raus!
Ich wünsche uns allen – Leitenden, Ehrenamtlichen, Mitarbeitenden, allen, die heute hier sind – dass wir uns gemeinsam aufs Feld trauen.
Gemeinsam Kirche bauen. Mit dem einen Helfer, dem einen Tröster, von dem Jesus Christus selbst sagt: Es ist gut, dass ich gehe, damit ihr ihn bekommt.
Und in diesem Sinne, ganz frei nach Franz Beckenbauer:
Geht’s raus und spielt Fußball.
Amen.