Karfreitag

Karfreitag

Psalm 22 ist gewiss das dramatischste und ergreifendste Klagelied, das wir in der Bibel haben. In der größten Not schreit da ein Mensch zu Gott. Er weiß, dass Gott ihn hören und ihm helfen kann. Aber jetzt, jetzt gerade ist keine Hilfe da und keine Antwort auf sein Rufen. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Der Psalmist David betet diesen Psalm in einer für ihn wirklich schweren Zeit. Er wird gerade von Saul verfolgt und hat Todesangst. David kennt also das Gefühl, völlig allein dazustehen, aber seine Worte gehen weit über seine eigene Situation hinaus. Das wird daran deutlich, dass dieser Psalm 22 zu einer Trilogie gehört. Psalm 22, 23 und 24 schrieb David gemeinsam, sie gehören zusammen. In Psalm 22 gibt der Hirte sein Leben für die Schafe. In 23 wird der große Hürze von Gott aus dem Tod herausgeführt. Er wird begleitet und seine Herde wird getragen. Und im Psalm 24 erscheint der oberste Hirte dann als König der Herrlichkeit, der seine Schafe belohnt.

David zeigt, wie auch immer er das wissen kann, schon diese Reihenfolge von Gottes Weg mit uns Menschen auf. Leiden und sterben, wieder Auferstehung und Herrlichkeit. Und er beschreibt dabei im Psalm 22 erstaunlich genau, was wir später von Jesus Kreuzestod lesen und hören werden. Obwohl es diese Art der Hinrichtung zu Davids Zeit in Israel noch gar nicht gab, fühlt es sich fühlt er sich als würden seine Knochen aus den Gelenken gehen, als würde er wie Wasser davon fließen. Er hat keinen Halt, keinen Mut mehr. Er ist durstig. kraftlos und seine Hände und Füße tun weh, als wären sie durchbohrt. Selbst seine Kleider werden ihm genommen und unter den Zuschauern verteilt. Und dann natürlich noch der Ausruf in Vers 2. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Diesen Vers betet Jesus am Kreuz. Er spürt und er weiß, dass er sterben wird und Gott, der lässt es zu.

Theologisch gesehen könnte ich jetzt sagen, dieser Psalm hat ja, wie gesagt, noch einen zweiten und dritten Teil. Am Ende wendet sicher alles zum Guten. Wir könnten den Blick auf die Trilogie lenken und die Psalme danach hinzuziehen. Die Auferstehung, die Herrlichkeit Gottes, sein Thronsaal auf dieser Welt.

Psalm 22 ist ein Psalm, den man beim Dankopfer festgebetet hat. Das waren damals Feste oder sind immer noch Feste, die freiwillig stattfinden. Fanden immer dann, wenn ein Mensch das Gefühl hatte, dass Gott ihm geholfen hat, geholfen hat. gefeiert wurde dann in der Öffentlichkeit, denn Gottes Wirken sollte bekannt werden, anderen Mut machen und das Vertrauen in Gott stärken.

Es wäre also nicht verwerflich, schon am Freitag auf Ostern zu sehen. Wo die Nacht am dunkelsten ist, gehen wir dem Morgen entgegen. Im schlimmsten Leid wissen wir um den Hoffnungsschimmer am Horizont.

Aber vielleicht, und ich sage das vorsichtig, vielleicht sind wir modernen Theologen dort manchmal ein bisschen zu schnell dabei, davon zu reden, dass alles gut wird. Sind zu schnell dabei, die Liebe des liebenden Gottes zu verkünden. Die Theologie der Herrlichkeit nennen wir das. Aber es ist eben nicht die ganze Wahrheit. Es gibt auch eine Theologie des Kreuzes und auf die kommt es heute morgen an.

In den kommenden Tagen werden wir die Geschichte der Emmaos Jünger hören. Und als ich sie las, da kam ein Gefühl in mir hoch. Ich wurde irgendwie neidisch. neidisch auf die Nähe, die Realität, die diese beiden Männer erlebten. Ich kann heute nur nachempfinden, wie sie sich wohl an K Freitag gefühlt haben müssen, als Ostersonntag nur eine Hoffnung und keine Gewissheit war. Und ich frage mich, was würde mir dieser Tag heute bedeuten, wenn ich den Ausgang nicht kennen würde, wie würde ich damit umgehen? Könnte ich heute hier stehen und dieses Leid ertragen?

Lasst es uns versuchen nur jetzt für diesen Augenblick für heute.

Paulus und Luther beides waren Kreuzestehologen und nicht ohne Grund, denn im Wort vom Kreuz liegt Gottes Kraft. Durch das Kreuz geschieht Erlösung. Ja, durch die Auferstehung bekommen wir Anteil daran, ein Leben inmitten dieser Erlösung. Aber ohne das Kreuz gäbe es keine Vergebung. Ohne das Kreuz gäbe es keine Freiheit von Sünden. Ohne das Kreuz gäbe es keinen unmittelbaren Weg zu Gott.

Und auch in unserem Leben löst sich nicht einfach alles in einem Happy End auf, sondern das Leben will bewältigt sein. Für heute morgen gilt nur über das Kreuz wird alles gut. Und um das zu begreifen, möchte ich euch und mir heute morgen die Frage stellen, warum?

Warum musste das geschehen?

Einer meiner leitenden Pastoren in meiner letzten Stelle hat mal zu mir gesagt, dass ich mich in Predigten oft darin verliere, wie ich etwas sage, statt mich darauf zu fokussieren, warum das Gesagte gesagt werden muss.

Dieses „Start with the why“, starte mit dem Warum, war vor allem heute für mich ein Merksatz. Ich möchte mich und euch herausfordern zu fragen, warum feiern wir Kar Freitag? Warum trauern wir? Ich glaube, wir müssen bei dem Warum beginnen, um diesen Tag in seiner Tiefe zu verstehen.

Im Sommer 1944 schrieb Bonnhöfer ein Gedicht. Er saß zu dieser Zeit bereits im Gefängnis und erlebte tiefes Leid. emotional, körperlich, geistlich. Und in dem Moment, als er das Gedicht schrieb, da begegnete er Gott noch einmal neu, anders. Er begriff Gott als einen Gott, der mit ihm leidet und an dessen Leid wir anteilnehmen dürfen.

Lasst uns mit Bonhhöfer heute morgen an das Kreuz treten und an Jesu Leiden anteilnehmen.

Menschen gehen zu Gott in seiner Not, finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot. Sehen ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod. Christen stehen bei Gott in seinem Leiden.

Menschen gehen zu Gott in seiner Not, finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot. Sehen ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod. Christen stehen bei Gott in seinem Leiden. M.

Das Evangelium für diesen Karfreitag steht bei Johannes im 19. Kapitel.

Pilatus überantwortete ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Städte, die da hieß Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Städte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Da sprachen die Hohen Priester der Juden zu Pilatus: „Schreibe nicht der Juden König, sondern dass er gesagt hat: „Ich bin der Juden König.“ Pilatus antwortete: „Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.“ Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile. Für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben angewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: „Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die da sagt: „Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Losgeworfen. Das taten die Soldaten.“ Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutterschwester Maria, die Frau des Klopers. und Maria Magdalena. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, sprach er zu seiner Mutter: „Frau, siehe, das ist dein Sohn.“ Danach spricht er zu dem Jünger: „Siehe, das ist deine Mutter.“ Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde, mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Isop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: „Es ist vollbracht!“ Und er neigte das Haupt und verschied. Evangelium unseres Herrn Jesus Christus.

Ihr dürft euch wieder setzen.

Warum? Warum stirbt Jesus am Kreuz? Weil Freunde ihn verraten und verleugnen. Weil er vor Gericht verleumdnet worden ist, weil Menschen voller Neid auf ihn waren. Lieber haben sie, um sich selbst gerecht zu fühlen, ihn erniedrigt und fertig gemacht. Lieber haben sie gelogen, als sich der Wahrheit zu stellen. Lieber haben sie an ihrem eigenen Gottesbild festgehalten, als auf Gott zu hören. Deshalb stirbt Jesus. Er stirbt an der Sünde. Er stirbt, weil Menschen sich an ihm versündigen. Und das gibt es bis heute. Menschen sterben an der Sünde von Menschen. Sie sterben an der Schuld anderer, weil niemand hilft, weil niemand hinschaut, weil Fehler gemacht werden, weil wir versagen, weil Menschen Menschen hassen und beneiden und bekriegen. Und auch wir versündigen uns jeden Tag, weil wir nicht helfen oder manchmal, weil wir einfach nicht gut genug sind. Und sogar wenn wir alles tun würden und es allen recht machen wollten, würden wir uns doch versündigen, denn wir sind nicht Gott. Als Menschen werden wir immer nur einen Teil der Wahrheit sehen. Und auch das, was einmal gut gemeint war, kann verletzen und anderen weh tun. Ihr habt recht, wenn ihr denkt, aber damals bei Jesus, da waren wir ja nicht dabei. Wir haben ihn nicht verraten, verurteilt und getötet. Stimmt. Aber Jesus ist der Mensch und sein Kreuz ist ein Symbol. Es spiegelt alles wieder, was Menschen einander antun. Und deshalb gilt auch heute noch noch auch ich und meine Sünden haben Jesus ans Kreuz gebracht.

Im Kreuz wird mein Versagen, mein Unrecht, mein Hochmut, meine Trägheit, meine Lügen gespiegelt.

Jesus erträgt am Kreuz, was ich täglich verschulde.

Eine erste Antwort auf die Frage: Warum stirbt Jesus am Kreuz? Er stirbt an Sünde. Er stirbt wegen uns.

Es gibt aber noch einen zweiten Grund. Und so haben wir es bei Bonnhöfer gehört. Er stirbt an Schwacheit. und am Tod. Jesus stirbt so wie wir alle einmal sterben werden. Und das hat überhaupt nichts mehr mit Schuld und Sünde zu tun, sondern es gehört einfach zum Menschsein dazu.

Und das ist nicht schön, aber das ist eine Wahrheit. Den Tod gab es schon vor Jesus und auch vor ihm sind bereits Menschen gestorben.

Und als Gott seinen Sohn auf diese Welt sandte als Mensch, da wusste er, dass der Tod, ein möglicher Ausgang Jesu Leben sein würde. nicht hoch theologisch gemeint, weil es vorhergesehen war, sondern ganz rein pragmatisch gedacht, weil er ein Mensch war und der Tod zum Menschsein dazu gehört. Jesus stirbt also nicht nur wegen uns, er stirbt auch mit uns, mit dir und mir, mit den Menschen dieser Welt.

Das waren jetzt zwei Antworten auf das Warum. Er stirbt wegen uns Menschen und er stirbt mit uns Menschen.

Aber machen diese Antworten selig? Wo ist denn da das Evangelium? Höre ich jetzt schon Menschen fragen. Und wieder komme ich ganz nah an die Grenze zu Ostersonntag. Kann ich das wirklich einfach so stehen lassen? Reicht das? Müsste ich diese halblebigen Antworten nicht zumindest im Sinne einer Theologie der Herrlichkeit weiterführen und auf die Auferstehung hinweisen und sagen, am Ende ist aber doch alles gut gegangen?

Denn ja, grundsätzlich ist da ja auch nichts falsches dran, aber stellen wir uns doch einmal ehrlich der Frage, tröstet uns ein, am Ende ist alles doch gut gegangen wirklich. In einem Moment absoluter Verzweiflung, Schmerzen, Leiden, Krankheit, Verlust, Traurigkeit, tröstet uns die Gewissheit, am Ende wird alles gut.

In jeder halbwegs guten Seelsorgeausbildung lernt man mit den Trauernden zu trauern. Selbst die Bibel sagt es klar: Weint mit den Weinenden.

Lasst uns die Freude heute morgen noch einen Moment aufsparen. Lasst uns einen Moment aushalten, dass selbst der Blick auf Jesus Auferstehung heute morgen unter dem Kreuz Jesu noch nicht die Lösung, noch nicht der Trost ist, den wir wirklich brauchen und suchen.

Denn da fehlt noch etwas ganz wesentliches. Ein dritter Grund für das warum. Jesus stirbt nämlich nicht nur wegen uns und mit uns, sondern er stirbt vor allem für uns. Jesus stirbt für uns, denn Gott ist für uns. Und was bedeutet das? Dafür müssen wir uns noch einmal der Warum Frage stellen, aber jetzt aus der Perspektive Gottes. Warum sollte Gott an uns festhalten? Warum sollte er helfen? Warum sollte er gnädig sein bei dem, was wir auf seiner Welt anrichten? bei allem, wie wir miteinander umgehen, bei dem, was wir als Menschen, seinem Sohn angetan haben.

Wenn Gott gerecht ist, mit welcher Note muss er uns dann beurteilen?

Warum? Also sollte Gott gut zu uns sein,

weil er es will. Woran sehen wir das? am Kreuz. Und was geschieht dort? Gott versöhnte die Welt mit sich selber. Und wer sagt das? Jesus Christus, der unser Fürsprecher ist. Womit haben wir das verdient? Mit nichts. Was haben wir als Entschuldigung?

Nichts. Warum also sollte Gott gut zu uns sein? Aus Gnade. Und wie kann Gott gnädig und nicht zornig sein? Weil er der Vater ist, ein liebender Vater. Er ist der Vater Jesu Christi und durch ihn auch unser Vater. Und Christus tritt als Bruder für uns ein. In Markus 10:45 lesen wir: „Ich bin nicht gekommen zu herrschen, sondern zu dienen und mein Leben zu geben als Lösegeld für die vielen.“

So hat Jesus seine Mission, seine Sendung verstanden auf dem Hintergrund dessen, was schon Jesaja vorausgedacht und angesagt hatte. Einer, der das Böse auf sich nimmt und aushält, ohne zurückzuschlagen.

So ist Vergebung und Versöhnung. So ist Freispruch und Frieden. So ist Erbarmen und Zukunft.

Ich habe am Anfang gesagt, durch das Kreuz geschieht Erlösung. Ohne das Kreuz gäbe es keine Vergebung, keine Freiheit von Sünde, keinen unmittelbaren Weg zu unserem Gott. Auch unser Leben löst sich nicht einfach in einem Happy End auf, sondern das Leben will bewältigt sein. Was nicht gut ist, will bewältigt sein. Kaum etwas auf dieser Welt, was geschehen ist, kann ein einzelner Mensch wieder gut machen. Mit diesem Schmerz, mit dieser Last leben wir. Und jetzt ist einer da, der sagt: „Komm her zu mir, der du mühselig und beladen bist. Ich will dich erlösen, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.

Da ist vieles, was wir nicht wieder gut machen können in unserer Welt, in unserem eigenen Leben. Aber er Jesus Christus tritt für uns ein, denn bei ihm hier am Kreuz heute ist Vergebung und Versöhnung.

Warum feiern wir Karfreitag?

Weil Jesus wegen uns starb, weil Jesus mit uns starb und weil Jesus für uns starb.

Und jetzt bleibt nur noch zu fragen, können wir das glauben?

Ich kann euch nicht beweisen, dass es so ist. Ich kann nicht mehr tun, als euch die Worte der Bibel zuzusprechen. Das, was Jesus selbst über sein Sterben gesagt hat, das was Psalmen und Propheten über Gott in Bilder und Worte gefasst haben. das was die Apostel sich vom Auferstandenen haben erklären lassen, was sie staunend und mit offenem Herzen gehört und verstanden haben, was sie für sich eingeordnet haben in neue Bilder und neue Formulierungen,

Das was sich geformt hat zu einem Glaubensbekenntnis, wie es zuvor noch nie gedacht oder gesagt worden ist. Aber es ist und bleibt auch heute morgen ein Glaubensbekenntnis.

Und wenn du heute morgen hier bist und das Gefühl hast, das könnte was mit mir zu tun haben, dieser Jesus am Kreuz, das Leiden, das Aushalten dessen, dann lade ich dich ein, gemeinsam mit mir, gemeinsam mit uns als Gemeinde, das nächste Lied zu singen und deinen Glauben zu bekennen.