Weihnachten

Weihnachten

Jes 52, 7-10                                       Weihnachtsfeiertag – Oßling/Großgrabe, am 26.12.2020

„Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König! Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und rühmen miteinander; denn alle Augen werden es sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt. Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.“

Liebe Gemeinde zum Weihnachtsfest! War´s schön? Konntest du dich freuen? Hattest du Grund zur Freude? Unser Predigtwort stößt diese Fragen an, das Wort „Freudenboten“. Wir gebrauchen es eher selten: Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen.“ Gab es für dich an Weihnachten so einen Freudenboten? Ich denke da zuerst an den Engel, der Maria die Geburt ihres Sohnes ankündigt, und die Engel auf dem Hirtenfeld, die Jesus, den Heilsbringer ausrufen: „Ich verkündige euch große Freude.“ Vor mir sehe ich Menschen mit der Freudenbotschaft von Jesus, dem Retter: Paulus, Franz von Assisi, die Missionare aus Herrnhut, Mutter Theresa. Und als ich 14 Jahre war: Reinhard. Er war für mich ein Freudenbote. Nun gibt es in unserm Predigtwort einen Satz, ich nenne ihn den Spitzensatz, der für mich am kraftvollsten zur Freude ruft. Im ersten Hören mutet er seltsam fremd an, im genaueren Hinhören entfaltet er seine nachhaltige, seelsorgerliche Trostkraft: „Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems.“ Was im ersten Moment poetisch, ja fast unverständlich klingt, zeigt sich bald als eine starke Vision der Hoffnung für unsere Lebenssituation. Das Wort „Trümmer“ bildet etwas Verborgenes in unserem Leben ab. Das ist unser Päckchen, Paket, was wir tragen, Schmerzvolles, ja vielmehr noch: da ist etwas endgültig zu Bruch gegangen. Trümmer. Je älter wir werden, desto mehr. Wir haben sie, die Trümmerfelder in unserer Seele. Was machen wir mit damit? Untern Teppich, nicht dran denken, so tun, als wäre da nichts. Oder, Gott anklagen – warum hat Gott das zugelassen? Hier jedenfalls die überraschende Aufforderung: Seid fröhlich, ihr Trümmer, rühmt miteinander. Das ist ein Ruf an Resignierte: Steh jetzt auf! Es gibt keinen Grund mehr, auf die Asche zu starren. Hier ahnen wir etwas von der Freude und Fröhlichkeit, die aufbricht, wenn der Glaube seine Schwingen entfaltet. Glaube klammert sich an Gott. Menschlich gesehen ist alle Zeit nur ein Warten auf das Ende. Vom Glauben her gesehen ist alles nur ein Warten auf die Freude Gottes. Der Glaube bringt mich zu der verwegenen Hoffnung: Für meinen Gott ist es ein Leichtes, aus diesem Trümmerfeld Leben zu schaffen. – Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es uns hilft, an dieser Stelle mal auf die ersten Adressaten dieses prophetischen Wortes vor 2.400 Jahren zu schauen. Zumindest kann man staunen, wie zeitlos gültig diese Prophetie ist und wie sie sich in der Geschichte erfüllt hat. Der Prophet Jesaja predigt diese Worte einer zerstörten Stadt, am Boden zerstörten Menschen, einer zweifelnden Gemeinde. Sein Reden muss, wie gesagt zuerst verwundern, aber es ist ja die Sprache des Glaubens: er redet von etwas, was noch nicht da ist so, als wäre es schon da. Er steht in den Trümmern des zerstörten Tempels, von dieser Anhöhe ist das ganze Ausmaß zu erkennen, Stadtmauer und Wohnhäuser unbewohnbar, Trümmerfeld. Bäume wachsen dort, wo Menschen gemeinsam um den Tisch saßen, alles ist mit Moos und Gras überwachsen. Es gibt auch viel zu wenige Leute, um die Stadt, die Trümmer aufzuräumen, geschweige denn Häuser zu bauen oder sie gar zu bewohnen. In dieses, vor allen Augen sichtbare Elend, predigt Jesaja so, als wäre das nicht da, die Stadt längst gebaut und voller Menschen. Er redet prophetisch: „Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems, denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem gebaut.“ An dieser Prophetie wird etwas vom Charakter des Glaubens deutlich: Glauben ist Freude und Vorfreude. Glaube ist der Blick in das Zukünftige, was Gott tut und getan hat. Glaube sieht schon die Vollendung. Ohne Glauben haben wir keine Antwort auf die bannende Kraft der Trümmer, der Resignation. Jeder ist nur das, was er glaubt. Gott ließ seinen Propheten einen Blick in die Tiefe, die Wurzel der Resignation nehmen. Er erkannte, warum die Gemeinde so niedergeschlagen war: Sie hatten keine Vision mehr. Sie glaubten nur noch, was sie sahen und nannten sich Realisten. Sie sahen Trümmer, übermächtige Gegner, Missernten, Sklaverei. Sie sahen das Elend dieser Welt und sich mittendrin. Musst du eben durch. Damit meinten sie: wir müssen mit unseren Kräften versuchen, das Beste daraus zu machen. Der tiefste Grund dieser Lebenshaltung heißt: in Wahrheit rechne ich nicht mehr mit Gott. Muss mir selber helfen, sonst hilft mir keiner. Diese Deutung des eigenen Lebens nennen wir „Unglauben“, auf sich selbst verlassen. Deshalb waren diese Leute damals vielleicht optimistisch oder lebenslustig, arbeitsam oder klug, aber in der Mitte ihres Lebens, im Kern ihrer Person leer, in ihrem Herzen war Nacht. Diese Nacht in ihnen predigte: ganz sicher ist nur der Tod, alles andere ist ungewiss. – Mitten hinein in ihre Nacht redet der Prophet. Seien Worte meinen mehr als eine politische Wende, den Bau einer Stadt oder den Beginn einer neuen Epoche. Seine Worte sind eine  Prophezeiung auf Christus, der ewiges Leben, ewigen Frieden, Vergebung der Sünden und ein ewiges Wohnen bei Gott bringt. Im hebräischen Urtext heißt es nämlich nicht, wie Luther übersetzt, die Freudenboten, sondern der Freudenbote. Damit ist Jesus gemeint, der die ewige Wende einleitet, dass sich Gott auf ewig seinem Volk zuwenden wird: „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der Frieden mit Gott bringt, die Liebe Gottes predigt und Heil und Heilung verkündigt. Er sagt zu der Gemeinde: Dein Gott herrscht über alles.“ Glaube blickt nicht nur nach vorn. Glaube hat auch bewahrende Kraft. Ich meine, die Kraft einer guten Botschaft im Herzen zu bewahren, damit dieses Licht in mir bleibt. Diese Zusage „Gott herrscht über alles“ kann ich weder mit meinem zweifelnden Verstand festhalten, noch mit meinem Gefühl oder schwankendem Willen. Der Glaube ist wie ein Schmuckkästchen. Dort hinein wollen die Perlen des Glaubens. So eine Perle heißt: „Dein Gott herrscht über alles“. Und wenn es dunkel wird und um mich nur Trümmer, Unglaube und Niederlage, dann hole ich diese Perle hervor. Im Dunkel leuchtet sie wie ein Lämplein vor meinen Füßen und versichert: Vertraue, das letzte Wort spricht dein Gott. Er herrscht über alles. Perlen des Glaubens sind kraftvolle Antworten, Lichter gegen die Angst. – Wie gesagt, zwischen den Worten des Propheten und uns liegen 2.400 Jahre. Daran sehen wir: die Wahrheit dieses alten Wortes ist sichtbar aufgeleuchtet. Christus, Gottes Friedensbote ist längst gekommen. Seither finden in jeder Generation Millionen Frieden mit Gott in der Vergebung ihrer Sünden. Bald wird sich auch die Wahrheit dieses Wortes vollenden, wenn Jesus nicht als Kind, sondern als Herr aller Herren sichtbar für alle Menschen wiederkommt. Fast wie die Wächter hier im Predigtwort rufe ich es euch heute zu: „Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und rühmen miteinander, denn alle Augen werden es sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt.“ Dann wird Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen. Jesaja kündigt es hier an: „Der Herr offenbart seinen schöpferischen Arm vor den Augen der Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.“ Die neue Welt Gottes – sie ist der Grund unserer Freude, Vorfreude. Aber eines ist sicher: unsere Vorfreude auf unsern Herrn, auch die Freude an Weihnachten, ist nur ein schwaches Leuchten im Vergleich zu der Freude, die wir in seiner Herrlichkeit haben werden. Amen.

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