Du sollst. Du darfst. Du wirst.

Du sollst. Du darfst. Du wirst.

2. Mo 20, 1 – 17                               18. Sonntag nach Trinitatis – Oßling/Großgrabe, am 20.10.2019

Gott redete alle diese Worte: Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten. Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht. Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der Herr den Sabbattag und heiligte ihn. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.“

Liebe Gemeinde! Ein Mann betritt eine Brücke. Wer hält wen? Die Brücke den Mann. Das einzige, was der Mann tut – er betritt diesen einzigen Weg über den Abgrund, gelangt sicher hinüber. Die Gebote sind Weg und Brücke. Nicht wir halten sie, bestenfalls halten wir uns an sie. Die Gebote tragen uns, sind Fundament, verleihen unseren Schritten Festigkeit, Sicherheit, Ruhe.  Als Pfarrer begegnet mir immer wieder das Phänomen, dass es dann, wenn es ans Sterben geht, vielen deutlich wird, was gut und richtig gewesen wäre in ihrem Leben. „Oh hätte ich doch …“, „wenn ich doch nur …“ – da bricht es aus einem Menschen heraus, was er verborgen mit sich herumschleppte. Im Angesicht des Todes gibt es einen starken Drang nach Wahrheit. Die Wahrheit lässt sich an zehn Fingern abzählen. Aber die Wahrheit ist kein Abzählreim, wo es am Ende heißt: „… und raus bist du!“ Du hast versagt. Wenn wir schon den Vergleich der 10 Finger bemühen, dann dürfen wir uns die zwei Hände wie eine geschlossene Schale vorstellen, die Kostbares halten. Oder dass uns segnend zwei Hände auf dem Kopf liegen. Gott durch die Gebote seine Hände über mir hält. Dass die 10 Gebote schenken, segnen, ja befreien – das entnehme ich dem ersten Satz. Zuerst befreit Gott: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft geführt habe.“ „… aus der Knechtschaft geführt.“ Daran kann man ein ganzes Leben lang entlang denken: Der unbedingte, unveränderliche Freiheitswille Gottes. Er selbst ist frei, will freie Geschöpfe. Der geheime Titel der Bibel heißt: „Von der Freiheit der Menschenkinder“ Alle Geschichten im Alten und Neuen Testament erzählen davon. Und wir buchstabieren im Glauben nach, was das wohl sei: die Freiheit der Kirche, die Freiheit des Christen, die Freiheit zur Liebe, die Freiheit von Tod und Sünde, die Freiheit des Denkens … diese uns geschenkte Freiheit braucht Spielregeln, weil sich die von Gott gewollte Freiheit in Beziehungen vollzieht, zu dem neben mir, zu dem über mir. Jeder soll frei sein und frei sein dürfen. Nicht nur ich. Deshalb hat meine Freiheit ihre Grenze an der Freiheit des andern. Freiheit ohne Grenze gibt es nicht. Ein Gefängnis verträgt der Mensch nicht, aber ein Haus braucht er. Grenzenlose Freiheit ist nur ein anderes Wort für Elend und Chaos. Was ist denn ein Kind ohne die Bindung an eine Familie? Was ist ein Reisender ohne Zuhause? Wo keine Grenze, da keine Freiheit. Die Lebensräume wahrer Freiheit sind gelingende Beziehungen, wo Freundschaft, Vertrauen, Verantwortung, Versöhnung den Ton angeben. Was wäre aber eine Freundschaft ohne den Schutz der Verschwiegenheit? Gott möchte mit seinen Befreiten gelingende Beziehungen. Deshalb setzt er Grenzen: „Ich bin der Herr dein Gott, der ich dich aus der Knechtschaft geführt habe.“ Liebe duldet keine Nebenbuhler, deshalb: „du sollst keine andern Götter haben neben mir.“ Sei es Geld und Besitz, Klugheit, Macht und Ehre – oder gar, wer Trost und Stärke im eignen Tun sucht. Da hält sich gar das menschliche Herz selbst für Gott. Wie diese Götter auch ihre Namen wechseln, die Knechtschaft bleibt. Nur einer kann wahre Befreiung schenken. Dass Gott seinem Volk erst die Freiheit und dann das Gebot schenkt, wirft Licht auf meine Glaubensbeziehung: Mit 2,5 Monaten wurde ich aus der Taufe gehoben und Gottes Beschluss ausgesprochen: ich habe dich erlöst, befreit. Erst Jahre später hörte und begriff ich von meiner Verantwortung Gott gegenüber. Gott selber will sich seine eigne Freiheit auch nicht verdunkeln lassen durch Vorstellungen und Bilder, die sich Menschen von ihm machen. Gott ist immer mehr, als wir denken, sehen und träumen. Deshalb das Bilderverbot: Du Menschenkind, lege Gott niemals auf ein Bild oder eine Vorstellung fest. Denn nicht im Sehen, sondern im Hören begegnet und offenbart sich dir dein Schöpfer. Die Sprache wahrt Gottes Freiheit gegenüber menschlichen Bildern. Seinen Namen sagt Gott, aber sein Aussehen enthüllt er nicht. Nicht ein Bild, sondern das Wort eröffnet Zutritt: der Name. Deshalb ist der Name heilig. Nur wer Zutritt, nur wer Verbindung mit Gott will, Freiheit in Gott sucht, soll diesen Namen gebrauchen. – An dieser Stelle wandern unsre Gedanken in das Neue Testament. Wir wissen nicht, wie er aussah, aber wie er heißt: Jesus. Das ist der Name aller Namen. In diesem Namen ist Befreiung; Macht, alle Sündenketten zu sprengen und der Tod wird in Jesus für tot erklärt. Wir dürfen uns in diesem Namen bergen, trösten und freuen, glauben, lieben und hoffen. Aber das Vertrauen, was viele in diesen Namen setzen, dürfen wir nicht für unsere Interessen benutzen. Die Befreiten sollen lernen und vertiefen und in den Alltag umsetzen, was das bedeutet: „Ich bin der Herr dein Befreier, mache dir kein Bild von mir, missbrauche meinen Namen nicht.“ Um zu verstehen und zu betrachten, zurück, nach vorn und nach oben zu schauen, dazu muss man innehalten. Deshalb folgt das Gebot des Freiraums. Ihr seid frei, also macht frei: „Sechs Tage sollst du deine Arbeit tun, am 7. Tage nicht.“ Dieser ausgesonderte Tag wird zweifach begründet. Zuerst hat der Schöpfer geruht, deshalb auch sein Geschöpf. Der Herr hat sein Werk betrachtet, das soll der Mensch auch, heilsame Distanz finden von seinen Taten. Im Innehalten und Betrachten vollendet Gott sein Tun. Das ist das Geheimnis vollendeter Arbeit. Vollendung meiner Arbeit geschieht, indem ich sie aus der Hand gebe. Kein Mensch kann in sechs Tagen alle Arbeit tun. Aber ruhe, als ob alle deine Arbeit getan wäre. So ergreifst du deine dir geschenkte Freiheit. Denn wer nur arbeitet, steht unter dem Zwang, ist noch Sklave. Die Wochentage bringen das „Muss“. Am Sonntag aber schenkt uns Gott Muße. Wer diese Freiheit nicht ergreift, dem wird die Zeit zum Feind. Er muss sie totschlagen. Er läuft nach der Uhr, aber hat keine Zeit. Das Geschenk Zeit empfängt der Mensch im Sonntagssegen. Die Zeit, die ich für das Schärfen der Axt verwende, geht mir beim Holzhacken nicht verloren. Gottes Gebote sind so Spiegel und Riegel. Ich gewinne Erkenntnis und Schutz, Wegweisung und Halt: Freiheit zu leben. Wenn wir einmal vor Christus unserm Richter stehen, wird er uns die 10 Gebote vorhalten. Aber nicht, wie wir angstvoll meinen, um abzuzählen, aufzuzeigen, was wir alles nicht gehalten haben. Wir werden sehen, dass die Ordnungen Gottes uns gehalten haben. Dann können wir von ganzem Herzen die Worte des Psalmbeters nachsprechen: „Wenn dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Elend.“ (Ps. 119, 92) Amen.

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