Gründonnerstag (Oßling)

Gründonnerstag (Oßling)

Mk 14, 17-23                                                                                     Gründonnerstag – Oßling, am 13.04.2017

„Am Abend kam Jesus mit den Zwölfen. Und als sie bei Tisch waren und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten. Und sie wurden traurig und fragten ihn, einer nach dem andern: Bin ich´s? Er aber sprach zu ihnen: Einer von den Zwölfen, der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht. Der Menschensohn geht zwar hin, wie von ihm geschrieben steht; weh aber dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre. Und als sie aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach´s und gab´s ihnen und sprach: Nehmet; das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird. Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis an den Tag, an dem ich aufs neue davon trinke im Reich Gottes. Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.

 

Liebe Gemeinde am Gründonnerstag! Der Verräter sitzt mitten unter uns! – Da zucken sie zusammen. Alle. Die mit Jesus am Tisch sitzen. Verrat ist das Ende der Gemeinschaft. Verrat, als Abgrund der Treulosigkeit, macht der Liebe den Garaus. Noch verborgen, doch schon vollzogen, dieser Bruch. In das friedvolle Mitei-nanderessen ist ein scharfer, kalter Wind gefahren. Wir sind doch ein Herz und eine Seele? Noch hallen Jesu Worte durch den Saal:“Ganz gewiss ist es wahr: einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten.“ Der Schatten dieser Worte lässt alles jetzt in einem fahlen Licht erscheinen. Draußen ist es dunkel. Verrat braucht die Dunkelheit. Das Unerkanntsein. Innerlich angespannt schweigen alle. In dieser knisternden Sprachlosigkeit drängt in ihren Herzen ein Wort nach oben. Bald wird es über ihre Lippen wollen: Nein, Herr, ich nicht. – Nicht an den, der verraten wird, denken sie. Nicht den Preisgegebenen wollen sie schützen. Nicht für ihn eintreten. Jetzt sind sie ganz auf sich bedacht. Ja, nicht einmal den Verräter wollen sie entlarven. Der Verräter sitzt mitten unter uns! Dieser leise von Jesus gesprochene Satz hat die Tür zum sonst wohlgehüteten Abgrund ihres Herzens aufgestoßen. Sie sind sich ihrer selbst nicht mehr sicher. Sollte etwa mein Innerstes so dunkel sein, wie die Nacht heute draußen vor der Tür? Sollte im Abgrund meines Herzens, in diesem Dunkel, dem Dickicht, sich Treulosigkeit und Verrat verbergen? In mir?? Die Schatten der Worte Jesu legt sich als Trauer auf ihr Herz. Sie spüren: das ist ein Abschied, Zerbruch, Trennung. Wenn der Herr verraten wird, und der Verräter hier ist – dann heißt das ja – unsere Gemeinschaft ist zerbrochen. Nein, das will ich nicht verlieren. Jetzt endlich, nach ewig langen Momenten des Schweigens, sprudelt es über ihre Lippen: Nein, Herr, ich doch nicht! Bin ich´s, Herr? Sag nein! Jeder fragt so. Die Reste der Mahlzeit sind noch auf dem Tisch. Jeden hat Jesus fragen lassen. Alle Augen sind auf ihn gerichtet: Sprich mich frei, Herr. Ich tu so etwas nicht! Jesus hebt die Augen, blickt in die Runde. Sein Mund ist geschlossen. Aber unüberhörbar leuchtet in seinen Augen die Frage: Wo werdet ihr sein, wenn ich bald eure Hilfe im Gebet brauche? Wo werdet ihr morgen sein, wenn ich vor Gericht stehe? Werdet ihr für mich eintreten? Werdet ihr all die falschen, bezahlten Zeugen widerlegen? Wo wirst du sein, wenn morgen der Ruf: Kreuzige! Durch die Gassen Jerusalems tönt? Wo werden dich deine Füße hintragen, wenn ich mein Kreuz trage? Wirst du mit mir auf Golgatha sein? – Jesu Mund bleibt geschlossen. Und die stummen Fragen seiner Augen hören und lesen sie nicht. Sie bangen um sich selbst. Sind in Sorge um ihre weiße Weste. Um Sorge um das Bild, was sie selbst von sich haben. Diese Sorge um sich lässt ihre Ohren verschlossen sein für den Hilferuf Jesu. Es war ein Hilferuf, als Jesus sagre: Der Verräter sitzt mitten unter uns. Nur mit Hilfe aller wäre es möglich, der Gemeinschaft zu helfen. Und: dem Verräter. Aber statt sich über die Not, die Gefallenheit, die heillose Verstrickung des Verräters zu erbarmen, seine Verlorenheit zu erkennen, kämpfen sie um ihren Platz in der Gruppe, und ihr Ansehen bei ihrem Meister. Dieser schweigt immer noch, und schaut jetzt nach unten. Mit einem Blick, wie in einen entsetzlichen Abgrund. – Mit Schweigen sind sie aber nicht zufrieden. Die harte Wahrheit vom Verrat ist ausgesprochen. Jetzt soll die ganze Wahrheit auf den Tisch. Ja, Jesus soll sagen, wer es ist. Damit wir wissen, was wir voneinader zu halten haben. Alle Augen hängen an seinen Lippen. Er kennt seinenVerräter. Aber er verrät ihn nicht: „Es verrät mich“, flüstern seine Lippen, wer seinen Bissen mit mir in die Schüssel taucht.“ Wieder schaut Jesus zu Boden. Und alle mit ihm. Ihre Herzen sind verwirrt. Ja, aber wir haben doch alle. Alle. Ein jeder von uns. Ja, ohne Ausnahme haben wir mit dem Meister gegessen. – Im Schein der flackernden Kerzen sehen sie, wie Jesus hinausschaut in die Nacht. So, als würde sein Blick durch alle Zeiten, zu allen Menschen wandern. So, als würden ihn alle fragen: Bin ich´s, Herr?? Jetzt trifft sie sein Blick und er sagt mit fester Stimme: „Es verrät mich, wer seinen Bissen mit mir in die Schüssel taucht. Der Menschensohn geht zwar hin, wie von ihm geschrieben steht, weh aber dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Es wäre  für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.“ Fest halten alle ihre Hände vor´s Gesicht. Nichts sehen. Nicht gesehen werden. Wir haben ja alle unseren Bissen in die selbe Schüssel getaucht. So gilt sein Urteil uns allen? Und doch ist es leichter, heller geworden im Raum. Wie es immer geschieht, wenn Dunkles ans Licht kommt. Wenn Böses böse genannt wird, ohne jemand dabei Böses zu tun. Jetzt hat Jesus das Brot wieder in der Hand. Wenn er das Brot nochmals austeilt, ist ja alles gut. Gemeinsam essen heißt doch: ein Herz und eine Seele sein. Waren die harten Worte Jesu also doch nicht so gemeint? Ist ihre Gemeinschaft doch noch heil? Jesus spricht das Dankgebet und reißt jedem, ohne Ausnahme, ein Stück ab. Er reicht es ihnen mit den Worten, dass ihnen der Mund offen bleibt: „Nehmt, das ist mein Leib.“ Das ist mein Leib? Überdeutlich sehen sie in ihrem Inneren Bilder: wie ein Weizenkorn in das Grab der Erde gelegt wird. Wie es keimt, wächst und zu Mehl zerrieben wird. Durch Wasser und Feuer muss, um Brot zu werden. Muss der Meister durch das Wasser der Taufe, durch das Feuer des Leidens, die Nacht des Grabes, damit unser Hunger nach Liebe, Leben und Ewigkeit gestillt wird? „Nehmt, das ist mein Leib.“  Sie nehmen und kauen. Ja, erst im Essen wird uns das Brot zur Kraft. Währenddessen dankt Jesus für den Kelch. Und alle trinken aus einem. Diese Nacht ist so still und so bitter. So rätselhaft und mit Angst erfüllt. So abgrundtief tröstlich. Während die Schatten an den Wänden tanzen, hallen Jesu Worte im Raum: „Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.“ Wieder sehen sie vor sich ein Bild: das Passahlamm, dieses Unschuldslamm. Es starb und rettete so durch sein Blut das Volk Gottes. Damals, vor –zig Jahren. – Morgen wird Jesus sein Blut geben, sein Volk retten, sein Leben verlieren. Jetzt ahnen sie, warum diese Nacht so angstvoll und zugleich abgrundtief tröstlich ist. Begonnen hatte diese Nacht mit: Unter uns sitzt der Verräter. Jetzt beginnt ihnen die Wahrheit zu keimen: unter uns sitzt der Erretter. Amen.

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