Reformationsfest

Reformationsfest

Mt 10, 26b-33                                                           Gedenktag der Reformation – Großgrabe, am 31.10.2020

„Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird ins Ohr, das predigt auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge. Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.“

Liebe Gemeinde am Reformationsfest! Die Menschen der Reformation im Heiligen Römischen Reich Deut-scher Nation, also fast ganz Europa, waren schweren Erschütterungen ausgesetzt. Diese nötigten alle gesell-schaftlichen Schichten, nach neuen Wegen und Lösungen zu suchen. Ich nenne uns fünf Erschütterungen. Kirche  und Staat: Die katholische Kirche, in Verquickung mit politischen Machtstrukturen hatte ihre wertesetzende Vorbildfunktion weitgehend verloren. Es wurde Wasser gepredigt, aber die Mehrheit der Kirchenoberen lebte im Luxus. Das warf die Frage auf: Darf die Kirche Jesu politische Macht ausüben. Wie ist das Verhältnis von Glaube und Macht. Weiterhin kam es zu einer zunehmenden Verarmung der unteren Gesellschaftsschichten, was 1525 zum Bauernkrieg und weiteren Konflikten führte. Es war die Frage: Wie stellt sich die Kirche zu sozialen Fragen. Die dritte Erschütterung war die Entdeckung der neuen Welt, dazu, dass die Erde rund ist, das Aufblühen der Naturwissenschaft. Die Erklärungsmodelle für Welt und Bibel der Kirche wurden zunehmend in Frage gestellt. Die Welt ist keinesfalls, wie wir gedacht hatten. Was nun? Viertens: Himmel oder Hölle, ewige Freude oder ewige Verdammnis. Diese Frage war so präsent, dass man mit Ablasshandel viel Geld verdienen konnte. Martin Luther mit seiner Antwort – Jesus allein – öffnete dem Glauben eine neue Perspektive und eine Massenbewegung entstand. Neue Einsichten „Wer ist der Mensch vor Gott“ ebneten sich Bahn. Die alten Dogmen verloren ihre gestaltende Kraft. Dazu brach die Frage auf: Wer bin ich als Mensch, wie frei ist mein Wille. Aus Dokumenten dieser Zeit entnehmen wir, wie hart diese Auseinandersetzungen geführt wurden. Luther schrieb als Antwort an Erasmus von Rotterdam und seiner Schrift „Vom freien Willen“ – seine Schrift „Vom unfreien Willen“. Es war ein Thema für Kaiser, Fürsten und Reichstag, es ging um Bann, Leben und Tod. Wir hören von vergangenen Zeiten und fragen: Haben die Menschen damals auf die weitreichenden Veränderungen Antworten und Wege gefunden? Wie haben sich die Verantwortungsträger in Kirche und Politik damals verhalten? Ich ziehe jetzt den Kreis etwas kleiner, gehe in unsere Gegenwart. Auch unsere Kirche wurde in den letzten sechs Jahren von fünf Erschütterungen heimgesucht. Erschütterungen sind Anzeichen von Veränderung. Sie bringen zugleich verdrängte Fragen nach oben, Problemstellungen. Ob wir diese Fragen wahrnehmen. Welche Antworten und Wege finden wir? Und gemeinsam? 2014 brach die Frage nach dem Umgang mit Homosexualität auf. Und ob ein homosexueller Pfarrer mit seinem Partner, eine lesbische Pfarrerin mit ihrer Partnerin im Pfarrhaus zusammenleben dürfen. Es kam damit die Frage nach oben: Was gilt unter uns, nach welchen Werten und Normen richten wir uns? 2015 ereilte uns die Erschütterung der Flüchtlingskrise. Sie brachte die Frage nach oben: Was ist die Rolle der Kirche in der Gesellschaft? Wie politisch darf Kirche sein? Als es vor einem Jahr zum Rücktritt unseres Bischofes Carsten Renzing kam, schwappte die Frage nach oben: Wie konnte es dazu kommen? Was ist Respekt füreinander? Wie kommunizieren wir in unserer Kirche. Wie gehen wir mit politisch konträren Meinungen in unserer Mitte um? Die vierte Erschütterung spüren wir in der Strukturreform. Diese Verwaltungsreform, die Neuordnung kirchlicher Strukturen verunsichert besonders die Leitungsgremien der Gemeinden. Sie weist auf einen tiefen Riss zwischen dem Landeskirchenamt und der Basis, und stellt die Frage: Was verbindet uns, wem können wir vertrauen? Und jetzt Corona. Der unsichtbare Virus hat wesentliche Teile des kirchlichen Lebens infrage gestellt. Streit und Entzweiung über den Umgang mit den staatlichen Anordnungen gehören zum Alltag in den Gemeinden. Ob es uns gelingt in all dem zusammenzubleiben? All diese Erschütterungen haben starke Fliehkräfte. Ist man verschiedener Meinung, dann geht man eben auseinander. Das wars dann. Deshalb – was bindet uns aneinander, verbindet uns? Was sind Kräfte, die uns zusammenhalten, dass wir – trotz allem – auf unserm Wege beieinander bleiben und ineinander Kraft investieren? Jesus nennt fünf: 1. Gott weiß! Wo wir nicht weiterwissen, ist das ein starkes Band am Ball zu bleiben. Gott weiß um alles: „Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird.“ 2. Offen sprechen: „Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern.“Offen im Namen Jesu reden. Offenheit verbindet. 3. Keine Menschenfurcht: „Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können.“ Keine Angst, mit Worten und Taten Jesus zu verkündigen. Aller Ängstlichkeit absagen. Tapfer sein. Standhaft. Für Jesus. Das wird nur möglich sein mit 4. Gottesfurcht. Gott fürchten, das hält uns zusammen. Denn Gott steht über allen menschlichen Meinungen, Ansichten und Plänen: „Fürchtet euch vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.“ Gott, den Herrn über Zeit und Ewigkeit fürchten, das verbindet. Und 5.: Du bist von diesem Herrn über alles erkannt und wertgeschätzt: „Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.“ Genauso wie ich ist auch jeder, der neben mir, wertgeschätzt vom Vater im Himmel. Das ist Gottes Sicht und Meinung. Diese gelten lassen bewirkt Respekt, Bindung. Ob wir auf alle aktuellen Fragen eine nachhaltige Antwort finden? Welchen Weg hat Gott für uns? Jesus lenkt diese Fragen auf sich. Er versichert: Es ist bedeutsam, dass ihr vor Gottes Thron, im Himmelreich einen Namen habt, eine Autorität seid. Dass man euch dort, in der Herrlichkeit mit Namen kennt. Dann wird euch der Weg gewiesen. Dann wird euch auch zugleich die Kraft zuteil, ihn zu gehen. Ich, sagt Jesus, sorge für euch, mache euch zum Thema im Himmel. Bei den Planungen meines Vaters vertrete ich euch und sorge für Hilfe. Ihr braucht nur eines zu tun, in Wort und Tat: Stellt euch einfach nur zu mir. Das kann jeder: „Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem Himmlischen Vater.“ – Einer Kirche, die sich zu Jesus bekennt, wird Zukunft geschenkt. Einer Gemeinde, die sich zu Jesus bekennt, wird Liebe und Frieden zuteil. Ein Menschenherz, das sich zu Jesus bekennt, wird Kraft, Trost und Frieden finden. In jedem Bekenntnis nimmt Gott von dir Kenntnis: „Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.“ Amen.

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