Stumme reden und Taube hören

Stumme reden und Taube hören

Mk 7, 31-37                           12. Sonntag nach Trinitatis – Großgrabe/Oßling, am 22.08.2021

„Als Jesus fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der zehn Städte. Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege. Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata! Das heißt: Tu dich auf! Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig. Und er gebot ihnen, sie sollten´s niemandem sagen. Je mehr er´s aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus. Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohlgemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.“

Liebe Gemeinde! Es herrscht Hunger. In Südamerika, Asien, Afrika und Deutschland. Die Menschen hier hungern nach Gesundheit, Wertschätzung, Freundlichkeit, guten Worten und einem friedlichen Miteinander. Da ist ein Hunger nach Harmonie und Versöhnung in den Familien. Eine Sehnsucht nach Stille, Gelassenheit und einem erfüllten Leben. Nicht einfach dahin-leben, sondern gesund und in Liebe. Erfülltes Leben, das nicht unter dem Schatten von Hass, Schuld, Versagen und Krankheit steht. Unter uns herrscht Hunger nach Paradies. Aber es scheint uns unmöglich, ihn zu stillen. Doch genau so eine Begebenheit erzählt uns unser Predigtwort. Wir stehen heute – im Bilde gesprochen –  vor einem Schaufenster. Das ist unser Predigtwort. In der Auslage betrachten wir paradiesische Dinge. Da ist ein Taubstummer. Er erhält das Gehör und seine Sprache zurück. Am Ende heißt es über allen, die nicht hören und zuhören, über allen, denen es die Sprache verschlagen hat: „Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.“ Viele werden ermutigt, getröstet, gesund. Von einem wird genauer berichtet, aber vielen wird der Hunger ihrer Nöte gestillt. Wir vernehmen diese Worte und betrachten sie wie durch ein Schaufenster. Wenn Stumme reden und Taube hören, muss das Brot zum Leben sein. Nun hat jeder unter uns zwei Möglichkeiten: Entweder er geht in dieses Geschäft oder er bleibt draußen. Entweder er betrachtet oder er isst. Skepsis oder Glauben. Ich kann vor diesem Wort stehen und meinen: Die Auslage besteht aus Plastikbrot und Gummibrötchen, nachgemacht, ungenießbar. Oder ich traue Gott zu, dass er mehr tun kann, als Menschen möglich ist. Unser Predigtwort will Hunger stillen, Hoffnung stärken. Aber ich kann den Laden erst betreten, wenn ich eine Frage beantwortet habe: Wer ist Jesus? Solange ich meine, Jesus war, bleibt die Tür zu. Also, Jesus war ein Wundertäter – wie andere auch; Jesus war ein Revolutionär – wie andere auch; Jesus war ein besonderer Mensch – wie andere auch. Solange Jesus ein Bericht aus alten Zeiten ist, wieso sollte ich heute irgendetwas von ihm für mein Leben erhoffen? Das Wagnis des Glaubens, was mir die Tür öffnet, heißt: Ich vertraue dem biblischen Zeugnis, dass Jesus von den Toten auferstanden ist, er ist lebendig. Erst, wer sich darauf einlässt, wird eingelassen. Ich glaube, wenn Jesus sagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen.“ Ich glaube, dass Jesus jetzt hier ist, unter uns, und dasselbe tut und tun will, was er damals getan hat. Durch Glauben gewinnt das Predigtwort Bedeutung für mein Leben heute. Immer neu werden wir zu solchem Vertrauen ermutigt. Wir sind nicht die ersten, die im Glauben an den Auferstandenen Mut, Zuversicht und Hoffnung, eben Sättigung erfahren haben. Unsere Altvorderen haben ihr Leben darauf gebaut. Und wir stehen in dieser alten Tradition, der lebensbringenden Tradition des Glaubens. Die Bibel und ihre Botschaft ist eine uralte, bewährte Bäckerei. Dort erhalten wir das Brot des Lebens. Immer noch stehen wir vor der Schaufensterauslage. Aber spürt und atmet ihr nicht den Duft frischen Brotes? Seht ihr nicht, wie viele durch die Tür drängen? Kommt mit, ich rufe euch zum Glauben. Vertraut der Botschaft, dass Jesus auferstanden ist, dass er der Herr ist über Leben und Tod und euch Heilung, Vergebung und Leben schenken will. Kommt, nehmt mit mir dieses Bibelwort ins Herz. Zuerst heißt es hier: „Sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege.“ Die Helfer des Taubstummen: Sie haben Mitgefühl und Vertrauen zu Jesus. Eine schlichte Wahrheit: Glaube und Mitgefühl sind Geschwister. Die Not des einen drängt sie dazu, den Kranken zu Jesus zu bringen. Jesus die Nöte anderer klagen. Für sie die Stimme erheben, ein wichtiger Dienst. Jesus um Hilfe bitten, beten. Am Anfang seines Weges hatte Jesus gepredigt: „Bittet, so wird euch gegeben.“ Er wird gebeten – und gibt. Wer heute für andere bittet, dem wird auch heute gegeben. Hier erlebt ein Mann seine persönliche Heilung: „Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata! Das heißt: Tu dich auf!“ Unschwer können wir heraushören, dass uns ähnliches geschehen muss. Auch ich muss zu Christus gebracht werden. Auch ich muss mit ihm allein sein. Und er muss auch mir die Ohren öffne und die Zunge lösen. Dann reife ich zu einem Menschen nach Gottes Willen. Gott will, dass mein Ohr mehr als nur Geräusche wahrnimmt. Meine Zunge soll mehr als nur Worte formulieren. Der Stumme damals hatte seine Zunge nicht im Griff. Wer unter uns würde allen Ernstes behaupten, er hätte seine Zunge im Griff? Habe ich zur rechten Zeit das tröstende Wort? Verbinde ich gebrochene Herzen? Mache ich Bedrückte fröhlich? Mehr noch: Rede ich, was Gott mir aufgetragen hat? Ist meine Zunge gelöst, wenn ich bete? Wer könnte von sich sagen, meine Ohren sind geöffnet? Können wir wirklich zuhören, mit dem Herzen? Hören wir die Seufzer und Schreie der gequälten Kreatur? Hören wir die Tränen der verwundeten Herzen? Hören wir gerade jetzt, in diesem Moment zu? Hören wir, was Christus uns sagen will? Ich habe Sehnsucht, das zu bekommen, was einem Mann der Bibel geschenkt wurde, der jubelnd berichtet: „Gott, der Herr, hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu reden zur rechten Zeit. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, das ich höre, wie Jünger hören.“ (Jes 50,4) Schaut noch mal hin. Wir sehen Jesus bei seiner Arbeit. Während Jesus einem Mann Stimme verleiht und Gehör, blickt er zum Himmel auf. So, als müsste dieser sich erst auftun, ehe sich anderes öffnet. Und seufzt. Diesen Seufzer hätte ich gerne gehört. Jesus seufzt, weil die Welt, in der der Geheilte zu leben hat, so schrecklich taub und stumm ist. Wozu denn hören, wenn es nichts gibt, was wirklich zu hören sich lohnt? Wozu reden, wenn niemand wirklich zuhört? Jesu Seufzer wird zu einem „Hefata“: „Tu dich auf!“ Was daraufhin geschieht, ist ein Zeichen für uns: Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig.“ Anfangs sagte ich: Unter uns herrscht Hunger, Hunger nach Liebe. Mitten in der Lärmwüste von Plapper und Plauder heißt der wahre Hunger unserer Zeit: Taubstumm! Aber dieser Hunger wird gestillt, wo Menschen, denen es die Sprache verschlagen hat, Worte der Liebe gesagt und in den Mund gelegt werden. Wo einer dem andern sein Ohr leiht, mit Liebe hinhört. Wunder geschehen dort, wo Menschen – im Namen Jesu – füreinander Mund und Ohr sind. Amen.

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