Hab Acht!

Hab Acht!

Mt. 6, 1 – 4                                     13. Sonntag nach Trinitatis – Oßling/Großrabe, am 29.08.2021

„Jesus lehrte seine Jünger und sprach: Habt acht auf eure Frömmigkeit, dass ihr sie nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel. Wenn du ein Almosen gibst, so sollst du es nicht vor dir ausposaunen lassen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, damit dein Almosen verborgen bleibe; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir´s vergelten.“

Liebe Gemeinde! Habt acht! Die Predigt beginnt wie der Predigttext. Habt acht!, sagt Jesus. Ist das eine Warnung oder ein Lockruf? Sagt Jesus hier: Pass auf dich auf! Oder ruft er: Achtet auf mich!? Nehmen wir es als Warnruf: Pass auf, Christ! – Bei Luther merkt man oft, dass Übersetzung zugleich Auslegung ist. Er überträgt das Wort „Gerechtigkeit“ ins deutsche mit „Frömmigkeit“. „Habt acht auf eure Frömmigkeit!“ Damit zeigt er auf: Jesus redet hier nicht von der Gerechtigkeit, die ein Mensch durch Jesus vor Gott hat – Vergebung der Sünden und vollkommene Gnade. Er redet vom Tun des Gerechten. Gerechtes vor Gott tun. Frömmigkeit bezeichnet den Lebensstil des Glaubens. Gerechtes Tun sind Worte und Taten, die Gott gelten lässt. Als gerecht vor Gott gilt alles, was Leben schenkt und erhält. Dazu erklärt Jesus: Habt acht! Es kann Einer Gutes tun und vor Gott gilt es nicht als gerechtes Tun. Man kann sozusagen seine Frömmigkeit verlieren, wie etwa einen Schlüsselbund. Man ist der Wohnungseigentümer, hat aber keinen Zutritt mehr. Das geschieht, wenn ein Glaubender sein Leben vor Menschen verantworten will, aber nicht vor Gott. Habt acht, sagt Jesus dazu, dass euch die Anerkennung der Menschen nicht mehr wert ist, als die Anerkennung bei Gott. – Wer heute im Gottesdienst bekannt hat: Ich glaube an Gott … ich glaube an Jesus Christus … ich glaube an den Heiligen Geist – so ein Glaubender muss um seine Verantwortung wissen. Da geht`s um die Ehre. Die Ehre gebührt immer Gott, nicht mir selbst oder anderen. Habt acht – d. h. also schlicht. Ehre wem Ehre gebührt. An dieser Stelle wird deutlich, dass es nicht nur ein Warnruf, sondern auch ein Lockruf Jesu ist: Habt acht auf mich. Tut ihr Gutes, dann aus Liebe zu mir. Das klingt so selbstverständlich, ist es aber nicht. Mit unseren Bedenken, was die Leute sagen, in unserem Ringen um Wertschätzung und Liebe sind wir nicht selten in der Versuchung, die Jesus hier benennt. Dem widerstehen wir nur, wenn wir die Augen unsres Herzens zu dem richten, der ruft: Habt acht auf mich, wenn ihr Gutes tut. – Um einem Missverständnis vorzubeugen. Ohne die vielen Stifter und Spender, die ihre Namen veröffentlichen, sähe es in der Welt viel übler aus.  Das ist gut. Aber es ist menschlich. Wie Gott es bewertet, sei dahingestellt. Damit es vor ihm als „gerechtes Tun“ gilt, muss es verborgen bleiben. Mit einer heute stehenden Redewendung bekräftigt das Jesus ausdrücklich. Wichtig ist hier, dass „Almosen“ die Bedeutung von „Barmherzigkeit“ hat. „Wenn du Almosen gibst“ – wenn du also Barmherzigkeit übst – so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, damit dein Almosen verborgen bleibe.“ Instinktiv wissen wir, dass Jesus, wenn links nichts von rechts wissen soll, hier nicht Inkompetenz und Gleichgültigkeit meint. Wer hat nicht schon mal in einer 0180-Warteschleife gesessen, wurde immer weiter verbunden, bekam zur gleichen Sache verschiedene Auskünfte, mit vielen „eventuells“ dazwischen. Man legt genervt den Hörer auf und seufzt: bei denen weiß die Linke nicht, was die Rechte tut. Jeder Christ soll in Sachen „Barmherzigkeit“ nicht inkompetent und gleichgültig, sondern auf der Höhe sein, wissen was und wie. Wie ein Christ Barmherzigkeit üben soll, beschreibt Jesus aber mit diesem seltsamen Bild: links weiß nichts von rechts. Das Seltsame fällt uns nur nicht mehr auf, weil diese Redewendung in unseren Sprachgebrauch übergegangen ist. Es ist doch schlicht unmöglich, dass die rechte Hand nicht weiß, was die linke tut. Dieser äußere Widerspruch deutet auf ein Geheimnis. So, als würde Jesus seine Zuhörer provozieren und sagen: Ihr müsstet doch genau wissen, dass es gar nicht möglich ist, was ich fordere. Ist das kein Anstoß für euch, wenn ihr mich ernst nehmt, darüber nachzudenken? Als guter Pädagoge gibt Jesus keine vorgekauten Antworten, sondern sagt: Löst das Rätsel, welches heißt: Die Barmherzigkeit muss verborgen bleiben. Wer jetzt fragt: Ja, warum denn?, beginnt auf dem Feld des Glaubens in die Tiefe zu fragen, fängt an, Gottes Absichten zu verstehen. Würdet ihr mit mir ein bisschen graben? Nicht aus Spaß an der Schatzsuche, sondern zuerst auf Grund des Rätselwortes Jesu, wo das Unmögliche gefordert wird, die Rechte soll nichts von der Linken wissen. Jesus will uns damit auf das Geheimnis der Verborgenheit Gottes weisen. Die ganze Bibel erzählt, dass Gott sich zeigt und damit verbirgt. Gott zeigt in der Schöpfung seine Herrlichkeit, Macht und Weisheit und verbirgt sich dahinter. Er zeigt sich Mose im brennenden Dornbusch und verbirgt sich im Feuer. Er zeigt sich seinem Volk in der Wolke und verbirgt sich darin. Er offenbart in den 10 Geboten seinen Willen, und doch kann kein Mensch ihn erfüllen. Er redet durch die Propheten und verbirgt sich hinter ihnen. Er sendet geballt seine ganze Barmherzigkeit in diese Welt und versteckt sie unter einem Zimmermann aus Nazareth. Bis heute zeigt sich uns der Auferstandene tagtäglich, aber als Kranker, Nackter, Gefangener, Hungernder. Schöpfung und Gebote, Wolke und Propheten, und schließlich Jesus sein Sohn – alles sind Erweise seiner Barmherzigkeit, sind sein barmherziges Tun an uns. Aber alle Barmherzigkeit Gottes ist verschlüsselt in 10 Sätze, verkleidet in einen Lehrling an der Hobelbank, geheimnisvoll verborgen unter Wein und Brot, Wasser und Wort. Warum? Das ist bis hier noch nicht beantwortet. Aber wir dürfen für uns erst einmal getrost feststellen: Wenn Gott seine Barmherzigkeit verbirgt, dann sollen wir es auch so halten. Also, mit derselben Kraft, mit der wir Barmherziges tun, sollen wir es auch verbergen. Ich hoffe, ihr seid ein wenig neugierig auf das „warum“. Warum verbirgt Gott seine Liebe und Barmherzigkeit? Warum sollen wir unser barmherziges Tun zudecken? Wir nähern uns damit einem Geheimnis Gottes, was wir vielleicht nicht durchdringen oder ganz begreifen können – aber wir schauen es an: Wenn Gott etwas tut, oder wie Jesus hier von uns verlangt, dann hat das seinen Grund. Welchen Grund hat es, Barmherzigkeit zu verheimlichen? Damit sie Frucht bringt und mehr wird. Brot macht das deutlich. Aus Barmherzigkeit macht Gott die Hungernden satt. Sättigungsgeschichten sind Barmherzigkeitsgeschichten. Brot ist ein Symbol für Barmherzigkeit. Die Entstehung von Brot ist ein Bild dafür, wie Barmherzigkeit zum Zug kommt. Wie Brot wird, wissen wir ein wenig, aber vieles davon nicht. Die Verborgenheit hat es werden lassen. Die Körner wurden in die Erde geworfen, verborgen. Die Ernte blieb nicht draußen, sondern wurde geborgen, erst in der Scheuer, dann unterm Mühlstein, unter Wasser, in dunkler Hitze, wurde geheimnisvoll unter menschlicher Arbeit zu dem, was es werden sollte. Kann Barmherzigkeit nur zu dem werden, was werden soll, wenn sie durch die Verborgenheiten wandert. Sind vielleicht all` die guten Taten, die erst bekannt und dann gerühmt werden, wie Körner, die nicht in die Erde wollen, auf der Tenne bleiben, vertrocknen und die der Bauer im Frühjahrsputz auf den Mist fegt? Ahnen wir die Tiefe des Gebets eines Glaubenden, der vor Gott über seinem Leben weint und betet: „Herr, dir gefällt Wahrheit, die im Verborgenen liegt. Und im Geheimen tust du mir Weisheit kund.“ (Ps. 51, 8) Für uns öffnet sich in dem Rätselwort Jesu von der geheimen Barmherzigkeit eine Verheißung: Überall dort, wo wir unser barmherziges Tun verborgen haben wie Körner in die Erde – wird Gott, der Wachsen und Reifen gibt – reiche Frucht schenken. Barmherzigkeit und Liebe wird sich breit machen, wo wir ein bisschen davon gesät haben. Der Wille Gottes wie im Himmel, also auch auf Erden geschehen – durch uns. Welch ein Glück, welche Würde und Ehre. Das ist unser Lohn: wir werden gewürdigt, Gottes barmherziges Wesen zu spiegeln. Das verheißt uns Christus, wenn er sagt: „… und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir`s vergelten … „Wenn du also Barmherzigkeit übst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, damit deine Barmherzigkeit verborgen bleibe; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir`s vergelten.“ Amen

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