Hau ab – oder: Komm her!?

Hau ab – oder: Komm her!?

Jer 31, 31-34                                                                                 Exaudi – Großgrabe/Oßling, am 13.05.2018

 

„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: Erkenne den Herrn, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“

 

Liebe Gemeinde! Die Predigt unternimmt den Versuch, Gott zu verstehen. Nicht seine Allmacht, Größe oder Herrlichkeit, sondern nur einen Punkt, seinem Hauptproblem: es heißt homo sapiens, zu deutsch Mensch, auf hebräisch Adam, was soviel bedeutet wie Staub, Erde. Wir wollen beginnen, Gott Verständnis entgegen-zubringen. Verstehen beginnt mit Verständnis haben. Das Hauptproblem, was Gott mit dem Menschen hat, ist das „Fort-mit-euch-Problem“ oder „Hau-ab-Syndrom“. Es begann alles mit einer Illusion, die sich Gott gemacht hatte. Er schuf und schuf, schließlich auch den Menschen und sagte über sich und sein Werk: Sehr gut! Der Mensch aber nahm Gott seine Illusion, indem er in einen Apfel biss. Da zeigte sich bei Gott etwas, was er von sich selbst noch nicht kannte: sein „Hau-ab-Syndrom“. Er stellte sie wegen des Apfels zur Rede und sagte dann: Haut ab! Mit dem „Raus hier!“ spürte Gott etwas Unbekanntes in sich: Unbehagen, Angst. In 1. Mose 3,22 beschließt er aus diesem Unbehagen heraus, sich dieses Wesen Mensch vom Leibe zu halten: „Siehe“,sagte er, „Adam ist geworden wie unsereiner, weiß, was gut und böse ist. Wenn er vom Baum des Lebens ist, bekommt er ewiges Leben.“ Da sei Gott vor! Und er trieb den Menschen von sich. Da für Gott 1.000 Jahre wie ein Tag sind, waren für Gott nur ein paar Tage vergangen. Aber schon hatte Gott von allen Menschen dermaßen die Nase voll, dass er – so berichtet die Sintflutgeschichte – die geamte Menschheit ertränkte. Haut ab, fort mit euch. Mit der Rettung von Noah ließ er sich ein Hintertürchen offen. Kaum stiegen die Überlebenden aus der Arche, nahm Gott Abstand zu sich selbst. Er bereute sein Tun (1Mo 8,21). Er fand sein „Hau-ab-Syndrom“ zwar von seinem Standpunkt aus gerecht, aber doch irgendwie abstoßend. Also beschloss er, die Menschen auf Abstand zu halten und unternahm den Versuch, sich das alles egal sein zu lassen. Mögen die doch machen, was sie wollen: „Aber solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“(1Mo 8,22). Damit er nicht wieder in Versuchung kam total auszurasten, wendete er das Prinzip an, das später die Römer erfolgreich umsetzten: divide et impera – teile und herrsche. Beim Turmbau zu Babel verwirrte er die Sprachen, stiftete Uneinigkeit und Verwirrung und so macht seither jede Sippe und Nation ihr Zeug für sich, oft gegen-einander. Aber Gott fand keine Ruhe. Er sagte sich: Gelingt es nicht mit allen, so vielleicht mit einem, einem Mann oder einem Volk, möglichst klein und unbedeutend. Und wieder hatte sich Gott verrechnet. Er bekam sein „Hau-ab-Problem“ nicht in den Griff. Mit Abraham ging´s auf und ab, aber einigermaßen gut. Doch die Nachkommen – da kochte bei Gott wieder die Suppe hoch. Die verkauften ihren Bruder in die Sklaverei, ein Sohn Jakobs hatte Sex mit einer Frau seines Vaters … sie stritten und schlugen und töteten. Ganz ruhig bleiben, sagte sich Gott. Ich werde mit ihnen einen Bund schließen. Es war nach Abraham bereits der vierte Bundesschluss. – Man muss Gott verstehen. Er schloss um seiner selbst willen diesen Bund. Eine Art Selbstbeschränkung, ein Versprechen, das er sich selbst gab: nicht strafen, sondern vergeben; nicht gleich sagen „Hau ab!“, sondern „Ich bleib bei dir“. So schuf er sich in seiner Allmacht starke Feinde, den Pharao z.B., damit er seinem Volk zeigen konnte: Gegen mich hat kein Feind eine Chance. Nicht der Pharao, nicht seine Waffen, nichts, keine Wasser halten euch auf, wenn ihr mir folgt in die Freiheit. Kaum waren sie durchs Wasser und in der Wüste, tanzten sie um den Gott Mammon in Form eines goldenen Kalbes. Und ließen ihren Gott einen guten Mann sein. – Ich vernichte sie, fort mit ihnen, tobte Gott voller Eifersucht. Und Mose sagte: Bitte Herr, sollen alle deine Feinde über dich lachen und lästern, weil du dein „Hau-ab-Syndrom“ nicht in den Griff bekommst? (2Mo 32, 7-14) Da bereute Gott seinen Zorn, er gab klein bei. Aber nicht ganz. Die Generation der Tänzer um das goldene Kalb, die Zweifler an seiner Macht, alle mussten 40 Jahre in der Wüste wandern bis sie alle gestorben waren. Auch dem großen Mose nahm er seinen einzigen Ausraster übel, auch er durfte nicht in das Land von Milch und Honig. Von der jungen Generation erhoffte sich Gott, sie hätten den Preis der Freiheit erkannt und würden ihn entrichten: eben, aus freiem Willen in Freude seinem Gesetz gehorchen. Immer noch hielt Gott an seiner Illusion aus Schöpfungstagen fest: Und siehe, es war sehr gut. Das sollte ihm noch teuer zu stehen kommen. Kaum hatte das Volk Israel Land, Haus und Wein, Milch und Honig, sah sich Gott wieder an den Rand gedrängt, als Gott unter vielen Göttern. Sein „Hau-ab-Syndrom“ ließ ihn Feinde gegen sein Volk schicken. Wimmerten sie um Hilfe, half er. Er hatte es sich ja vorgenommen, nicht mehr „Fort-mit-euch“ zu sagen. Ging es seinem Volk wieder gut, ging das Spielchen von vorne los. Gott hatte es satt. Er hatte sein Volk satt, die Bundesschlüsse und Versprechen und hatte auch von seinem „Hau-ab-Problem“ die Nase voll. So berief er den gesamten himmlischen Rat ein. Was da diskutiert wurde ahnen wir. Jedenfalls war das Endergebnis eine Resolution, die uns bekannt ist, unser heutiges Predigtwort. Ich verlese es: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: Erkenne den Herrn, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ Diese Erklärung des Himmels kam wahrscheinlich so zustande: Ein Vertrauter Gottes muss gesagt haben: Herr, ich würde vorschlagen, den Menschen anders zu begegnen. Keinen Bund wie von Mann zu Mann, kein Bündnis wie zwischen Staatsmännern, kein Vertrag wie mit seinesgleichen. Schließ einen Bund mit ihnen, wie eine Mutter mit ihrem Kind hat. Ein Baby ist gegenüber der Mutter zwar gleichwertig, aber nicht gleichrangig. Die Mutter hat die Milch und die Verantwortung, hat Stärke, gibt Schutz und ist für das hilflose Wesen da. Und doch passt sie sich ganz ihrem Baby an, verlangt nichts, sondern gibt. So entsteht in dem Kind Urvertrauen. So wird das Wesen der Mutter mit der Muttermilch ins Herz des Kindes geschrieben. Gib deiner Liebe Raum, sagte Gott zu sich und legte sich darauf fest, Mutter für sein Volk zu sein: „Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen.“ (Jer 31,3) Ja, bekräftigte Gott, „ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jes 66,13) Mein Volk soll sich nicht mehr mir anpassen, sondern ich will mich ihnen anpassen. So, wie sich eine Mutter ihrem Kind anpasst. Ich will mich hingeben, wie sich Wasser in ein Flussbett zwängen lässt. Die Liebe schmiegt sich dem an, den sie liebt. Die Engel und der himmlische Hofstaat waren bass erstaunt: Dann hältst du die Menschen höher als alle geschaffenen Wesen? Ja, sagte Gott, ihr alle seid meine geliebten Geschöpfe. Die Menschen aber meine geliebten Kinder. Doch Gottes Plan drohte wieder fehl zu schlagen. Die Menschen schienen Güte und Hingabe, Vaterliebe und Mutterbrust mit Schwachheit zu verwechseln. Gott versuchte den Menschen nahe zu kommen, aber die Menschen kamen ihm nicht näher. In seinem Schmerz fasste Gott einen abenteuerlichen Plan: Wenn sich der Mensch nicht von mir trösten lässt, muss er mich trösten. Will er meine Mutterliebe nicht, dann nehme ich seine. Er beschloss: Nicht ich bin die Mutter und der Mensch das Baby, nein, umgekehrt: Der Mensch ist die Mutter und ich begebe mich in seinen Schoß. Ja, Liebe ist stärker als Allmacht. Und so legte sich der Allmächtige, der Schöpfer, als Kind in den Schoß einer menschlichen Mutter und sog an ihren Brüsten, bis er satt war. Ließ sich stillen, windeln, lehren und erziehen. So kam Gott in seiner Welt an, bei seinen Menschen. Mehr Nähe ging nicht. „Hau ab!“ hat Gott seither nie mehr gesagt. Er hat sich an die Resolution von damals gehalten, wo es heißt: „Ich will mich selber (mein Gesetz) in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.“ Du meinst, es sei 2.000 Jahre her, das mit Maria und Jesus? Irrtum! In jedem Kind, was dir begegnet, schaut dich Gott an und sagt lächelnd: Wer solch ein Kind liebkost in meinem Namen, liebkost mich. Wo dir einer mit äußeren oder inneren Nöten über den Weg läuft, begegnet dir Gott selbst und sagt: Was du einem in Not getan hast, das hast du mir getan. In jedem Menschen klopft die Sehnsucht Gottes an unser Herz: Ich will dir nahe sein. Gott hat sein „Hau-ab-Problem“ überwunden. Was aber ist mit dir? Was sagst du Gott? Hau ab – oder: Komm her!? Amen.

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