Gottesdienst in Oßling

Gottesdienst in Oßling

Gen. 1, 1-4a; 26-31; 2,1 – 4a                                                                Jubilate – Oßling, am 12.05.2019

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen sich zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und macht sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht. Und Gott sprach: Seht da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise. Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und es geschah so. Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte; und ruhte am siebenten  Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte. So sind Himmel und Erde geworden.“

Liebe Gemeinde! Über unserm Land liegt ein Grauschleier. Es ist die Unruhe. Sie macht das Leben grau. Wenn wir unsere inneren Augen öffnen und über unser Leben nachdenken, sehen wir eine große Unruhe: Wir haben mehr sichere Information und Wissen, als die Generationen vor uns, aber Unsicherheit greift um sich. Wir sind schneller, können mehr in kürzerer Zeit bewältigen, aber haben keine Zeit. Um uns, in uns ist Hektik und Betriebsamkeit. Unruhe, es nicht zu schaffen. In jeder Altersstufe steckt diese Unruhe, dieser Druck. Schaffe ich ein gutes Abitur, finde ich einen guten Ausbildungsplatz; denken wir an die ältere Generation, die nach ihrem Wert, ihrer Würde fragt: Gehöre ich zum alten Eisen? Wer sich die Mühe macht mit alten Menschen zu sprechen und ihren Sorgen nachgeht, sieht ihr Ringen mit der Vereinsamung, ihre Suche nach einem Gegenüber, um mit all` dem Unbewältigten fertig zu werden. Wer hinter die Fassaden blickt, sieht Menschen mit Ängsten und Depressionen, verletzte Herzen und zerbrochene Familien. Auch die mittlere Generation, sehr auf die Themen Geld und Arbeit festgelegt, hat diese Unruhe. Werde ich meine Arbeit behalten, werde ich eine neue finden. Der Arbeitskollege kann plötzlich zum Konkurrenten werden. Ja, in unserem Gesellschaftsgefüge wird dieser Unfrieden in der Verteilung der Arbeit deutlich. Wer Arbeit hat, muss für drei arbeiten und andere haben keine. Sie brodelt, diese Unruhe. – Davon redet unser Predigtwort. Genauer, es will unsere Lebensumstände deuten. Deuten heißt, erkennbar machen, wie ein Fernglas, was der nach einem Weg Suchende an die Augen setzt. Undeutlich. Entferntes wird schärfer, vielleicht sogar ein Ausweg erkennbar. Ihn dann auch zu gehen ist noch eine andere Sache, zuerst geht’s ums Erkennen. Ich hoffe, dass wir im Nach-denken, Hinterher-denken dieses Textes eigene Lebensumstände und –zusammenhänge erkennen. Zuerst heißt es hier: „Und so vollendete Gott am siebten Tag seine Werke, die er machte, und ruhte am 7. Tag von allen seinen Werken, die er gemacht hatte.“ Hier scheint ein Widerspruch vorzuliegen: Erstens ist die Schöpfung in ihrer materiellen Qualität bereits geschaffen, also eigentlich am sechsten Tag vollendet. Zweitens geschehen „vollenden“ und „ruhen“ in eins. Gott vollendete am 7. Tag und ruhte zugleich. Das kann nur eines heißen: Gott vollendet die Schöpfung in der Ruhe. Wie zwei Ruder eines Bootes gehört die Ruhe zur Arbeit. Arbeit und Ruhe sind die zwei Beine, die den Menschen tragen und vorwärtsbringen. Das eine ist ohne das andere nicht zu denken. Es ist die Ruhe, die die Arbeit erst vollständig macht. Es ist die Ruhe, die der Schöpfer heiligt. Heiligen heißt ja, aussondern. D. h. gegenüberstellen. Arbeit und Ruhe sind ein untrennbares Gegenüber. Das wird hier gesagt: „Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken.“ So– hören wir – so sind Himmel und Erde geworden. Sechs Tage ging es ums Schaffen, um die Frage des Wie? Wie wird dieses und jenes. Nach sechs Tagen war dieses „Wie?“ beantwortet. Gott hatte sich seine Welt gebaut. Er war fertig mit allem, fix und fertig – aber nicht am Ziel, nicht vollendet. – Wir sind geistige Wesen. Wenn wir was machen, müssen wir auch wissen, warum. Deshalb wird die Arbeit betrachtet, Abstand gewonnen. Es geht um einen gesunden Wechsel von Arbeit und Ruhe. Wenn ich durch dieses Wort unser Leben betrachte, sehe ich vieles im Ungleichgewicht. Einerseits eine Freizeitgesellschaft, da geht es um Spaß, Spaß, Spaß, Erleben und Vergessen – andererseits rastlose Aktivität, Tendenz steigend. Hier sei als kleines Beispiel nur an die Diskussion um die Ladenöffnungszeiten am Sonntag erinnert, vor 30 Jahren nicht denkbar. – Wir sind damit, fast unmerklich, vom 7. Schöpfungstag, auf den Sonntag gekommen. Das ist der zweite vor dem ersten Schritt. Der Sonntag kommt aus der Tradition des Sabbats. Kein anderes Volk in Israels Umwelt kannte einen freien Wochentag für alle Volksschichten. Das war ein Privileg der Oberen. Wer ohne Unterbrechung arbeiten musste, war Sklave. Hier ahnen wir, welche politische Anstößigkeit das Sabbatgebot in der Welt des Alten Testamentes hatte. Israels Umwelt sagte: keinen Sabbat, sonst werden die Arbeiter aufsässig und der Gewinn geht zurück. Damit wurde dem Arbeitenden jede Würde abgesprochen, er war nur Instrument und musste funktionieren. Nein, sagte Israel, jeder Mensch hat seine Würde. Diese zeigt sich darin, dass alle, reich und arm, jung und alt, an einem Tag gleich frei sind und einander nicht verpflichten dürfen, keine Forderung aneinander haben dürfen. Diese Freiheit wurde – wie aktuell – der ganzen Mitschöpfung zugesprochen: den Tieren und Pflanzen und dem Acker. Israel schlussfolgerte: wenn „Gott von allen seinen Werken ruht“, so auch wir: die Erde bleibt unbearbeitet, das Vieh ruht. – Ein Zweifaches ist bisher deutlich: 1. Die Ruhe des einen Wochentages vollendet das Werk der sechs vorausgegangenen. Kein Tag kann vollendet werden ohne dieses Innehalten und Betrachten des Getanen und Geschehnen. 2. Der Sabbat macht die Gleichheit, Freiheit und Würde des Menschen anschaulich, und will ein Raum des Friedens mit allen Mitgeschöpfen sein. – Der Sabbat will aber noch mehr sein als Vollendung und Erholung. Er will ein fester Punkt im Lebensrhythmus sein, von dem das eigne Sein und Handeln kritisch betrachtet wird. Warum muss das sein? Damit der Mensch frei bleibt. Denn es ist möglich, dass sich die Werke seiner Hände verselbständigen und so in Götzen verwandeln und über ihn herrschen. Was ich meine, will ich an einem Werk unserer Hände, dem Lieblingskind der Deutschen, einem Statussymbol, verdeutlichen: dem Auto. Der Verbrennungsmotor wurde 1886 von Otto erfunden. Nehmen wir an, Bismarck wäre auf die Konsequenzen dieser Bastelei aufmerksam geworden, hätte eine Kommission eingesetzt, der es gelungen wäre, alle uns heute bekannten Folgen aufzuzeigen. Und Bismarck wäre mit seinem Dossier vor den deutschen Kaiser getreten: Majestät, ein Schwabe hat dies und das erfunden, einen Motor, der die unglaubliche Beschleunigung der Kutschen ermöglicht und damit einerseits: unerhörte Mobilität und Reisemöglichkeit der Massen, Verbesserung der Transportkapazität, kein Pferdekot auf den Boulevards. Andererseits: Vergiftung der Natur durch Stickoxide, Blei und Asbest, Belastung der Meere, Zerstörung der Kulturdenkmäler und – nicht zu vergessen – jährlicher Totschlag in Höhe der Verluste des Krieges 1870/71. – Es besteht nicht der geringste Zweifel, wie die Entscheidung des Kaisers ausgefallen wäre . – Die Autokultur ist über uns gekommen. Ein Produkt hat sich selbständig gemacht und herrscht. Die Hälfte der Weltverschmutzung geht auf ihre Rechnung. 250. 000 Menschen jährlich sind in den Industrienationen Verkehrsopfer. Das Wundersam-Grauenhafte daran ist die Selbstverständlichkeit, mit der dieses Grauen akzeptiert wird. Gesellschaft und der Einzelne sind vom Automobil abhängig, es geht nicht ohne. Ganze Volkswirtschaften sind darauf gekreuzigt, bei der leisesten Bedrohung der Autokonjunktur kommt es zu sofortiger und selbstverständlicher Erpressung der Regierung. Der Führerschein hat als Sakrament längst Taufe und Konfirmation ersetzt. – Und wir – brauchen es wirklich nicht, im Lichte des Wortes Gottes einen Tag in der Woche unser Leben und Tun beleuchten zu lassen? Diese Betrachtung will uns zu dem „Spielraum“ unserer Freiheit führen. Unser „Spiel-raum“ liegt im Unterlassen. Ja, Gott hat etwas Unterlassen am 7. Tag. So hat Israel es gelernt, ohne rationalen Grund darauf zu verzichten, aus dem Boden, dem Kapital und dem Mitmenschen herauszuholen, was zu holen ist. Nicht das Letzte herausholen – diese Freiheit gewährt Gott uns. Und wir sollen sie unseren Mitgeschöpfen gewähren. Nicht – was sollen wir tun? Sondern, was sollen wir unterlassen?, weist uns einen Weg aus den gegenwärtigen Gebundenheiten. Da geht es von einer gerechten Verteilung der Arbeit über soziale Gerechtigkeit bis zu Fragen des Friedens und der Bewahrung der Schöpfung. Einen Tag frei für Gottesdienst, Gemeinde, Gebet und Spiel. Zeit miteinander, damit es zum Füreinander reift. – Was sollen wir unterlassen? Diese Frage müssen wir endlich zulassen. Amen.

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