Die Sache mit dem (Un)Glauben

Die Sache mit dem (Un)Glauben

Mk. 16, 9 – 20                  Quasimodogeniti (Wie die neugebornen Kinder)  – Großgrabe, am 28.04.2019

„Als Jesus auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria von Magdala, von der er sieben böse Geister ausgetrieben hatte. Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren und Leid trugen und weinten. Und als diese hörten, dass er lebe und sei ihr erschienen, glaubten sie es nicht. Danach offenbarte er sich in anderer Gestalt zweien von ihnen unterwegs, als sie über Land gingen. Und die gingen auch hin und verkündeten es den andern. Aber auch denen glaubten sie nicht. Zuletzt, als die Elf zu Tisch saßen, offenbarte er sich ihnen und schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härte, dass sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn gesehen hatten als Auferstandenen. Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. Wer da glaubt und getauft  wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden. Die Zeichen aber, die folgen werden denen, die da glauben, sind diese: in meinem Namen werden sie böse Geister austreiben, in neuen Zungen reden, Schlangen mit den Händen hochheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird´s ihnen nicht schaden; auf Kranke werden sie die Hände legen, so wird´s besser mit ihnen werden. Nachdem der Herr Jesus mit ihnen geredet hatte, wurde er aufgehoben gen Himmel und setzte sich zur Rechten Gottes. Sie aber zogen aus und predigten an allen Orten. Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die mitfolgenden Zeichen.“

Liebe Gemeinde! Die Tür zu unserem Predigtwort liegt eigenartigerweise nicht in einem Bibelvers, sondern zwischen zweien, zwischen Vers 14 und 15. Merkwürdig – hart und unvermittelt steht Unglaube der Jünger und ihre Beauftragung nebeneinander. Erst: “Er schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härte.“Dann: „Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium.“Jesus ist sich sicher: Leute, die ihres Glaubens selbst nicht sicher sind, werden andere zum Glauben führen. Zweifler werden gesendet. Missionare, Gesendete, haben also keinen Vorsprung im Glauben. Ungläubig zu sein – ist ein Problem der Christen. Die Jesusjünger werden hier als Ungläubige geschildert. Das ist ehrlich. Erschreckend und beschämend ist es auch. Wir tun uns mit der Ehrlichkeit, wie`s eben um unsern Glauben steht, so schwer. Aus Angst und Schamgefühl. – Heute wird uns vom Unglauben der Apostel erzählt. Das könnte tröstlich, ja ermutigend für uns ausgehen beim Zuhören. Warum wird hier so offen vom Unglauben erzählt? Ich gehe auf Spurensuche, und finde eine, nein zwei; zwei verschiedene Schreiber. Das letzte Kapitel im Markusevangelium ist geteilt. Die Verse 1 – 8 im Kapitel 16 sind etwa im Jahre 60 n. Chr. geschrieben. Unser Predigttext, die Verse 9 – 20 etwa 100 Jahre später. Bin ich jetzt für euch ein ungläubiger Bibelkritiker, der die Bibel zerpflückt? Da wir vom Predigttext zum Thema „Unglauben“ genötigt werden, muss ich diesen Gedanken erst mal so stehen lassen. Als Ungläubiger wäre ich ja nah am Text und in guter Gemeinschaft. Markus jedenfalls bricht seinen eindrucksvollen Bericht 60 n. Chr. mit einem eher panischen Geschehen ab. Kein befreiender, fröhlicher Schluss. Sehr glaubhaft erzählt er von dem blanken Entsetzen der geschockten Frauen, die voller Angst keiner Menschenseele etwas sagen von der Botschaft eines lebendigen Toten. Warum fügt ein späterer Schreiber seinen Nachtrag, unser Predigtwort, an? Offenbar, weil man es zu seiner Zeit nicht ertragen konnte, was sonst ungesagt bleibt, was zum Evangelium von Christus unentbehrlich gehört: die neue Sicht auf unsere Welt im Licht der Osterbotschaft. Der besiegte Tod, die neue Hoffnung. Durch unser Predigtwort werfen wir einen Blick in die Welt der Christenheit der zweiten und dritten Generation. Der Schreiber ist von Jesu Geburt, Kreuz und Auferstehung so weit weg, wie wir heute vom deutsch-französischen Krieg 1870/71. Aus diesem zeitlichen Abstand erzählt er in aller Kürze noch einmal drei österliche Jesusgeschichten, die ihm besonders wichtig erscheinen. Daran fügt er den Sendungsbefehl und die Verheißungen des Auferstandenen an. Er schreibt in einer Zeit, in der sich unser heutiges Glaubensbekenntnis zu bilden beginnt, mit den großen Bildern, die wir jeden Sonntag ausrufen: Christi Himmelfahrt, sein Sitzen zur Rechten Gottes, Jesu Gegenwart im weltweiten Wachsen seiner Kirche. – Also, ab Vers 9 wird die Ostergeschichte, von den geschockten Frauen, durch zwei weitere ergänzt: Maria Magdalena am Grab (wir kennen sie aus Joh. 20, 11 ff.) und der Weg der zwei Jünger nach Emmaus (Lk. 24, 13 ff). Es sind sicher nicht zufällig diese beiden, denn sie haben deutliche Gemeinsamkeiten: in beiden wird der auferstandene Christus zunächst nicht erkannt. Maria hält ihn für den Gärtner, die beiden Wanderer für einen, der unterwegs ist wie sie. Gemeinsam ist ihnen auch, dass sie in dem scheinbar Unbekannten plötzlich den Herrn erkennen. Maria erkennt Jesus, als er sie bei Namen ruft, die beiden Emmausjünger beim Brotbrechen. Daran – deutlich wird hier die Lehre – daran kann man den auferstandnen Herrn erkennen, in welcher Gestalt er auch in unsre Mitte tritt: Dass unser Name durch sein Wort hindurch gerufen wird. So geschehen bei unsrer Taufe. Und, dass er gegenwärtig ist, sein Geheimnis verbirgt, und sich doch schenkt unter der Gestalt von Brot und Wein. – Nun, nach diesen kurzen Osterberichten – mit Verweis auf das Wiedererkennen Jesu in den Sakramenten – rückt er in unserm Bericht ein Thema in den Mittelpunkt, an dem die junge Kirche schwer zu kauen hatte: der Unglaube. Nicht mehr das Entsetzen über die Wiederkehr eines Gekreuzigten ist jetzt die Reaktion auf das Ostergeschehen, sondern der Zweifel: Ich kann das nicht glauben. Die Auferstehungsbotschaft ist das Zentrum des Evangeliums, aber offenbar auch seine unglaublichste Botschaft. Matthäus z.B. muss berichten, als Jesus in die Jüngerschar tritt: „etliche aber zweifelten.“ Paulus wird nicht nur in Athen der Vogel gezeigt, als er die Auferstehung Jesu berichtet, auch seinen „erweckten“, „gläubigen“ Gemeindegliedern muss er immer wieder von Augenzeugen berichten, „500 auf einmal ist der Auferstandene erschienen“, schreibt er ihnen seufzend. Auch unser Predigtwort nun berichtet, wie der Auferstandene den Jüngern erscheint und sie erst mal richtig einseift: „Zuletzt, als die Elf am Tisch saßen, offenbarte er sich ihnen und schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härte, dass sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn gesehen hatten als Auferstandenen.“ Ich seh` sie förmlich vor mir: wie die begossnen Pudel senken sie ihre roten Gesichter. Sie sind ertappt in ihrer Unfähigkeit zu glauben. Und nun übergangslos die Überraschung: Die Unfähigen werden beauftragt und gesendet. So überwindet Jesus ihren Unglauben. In ihrer Sendung empfangen sie Glauben. Glaube ist Gabe Jesu. Der Glaube kommt zur Entfaltung, wenn der Gesendete losgeht. –Doch für die noch unsicheren Botschafter und ihre Hörer ist es offenbar wichtig, dass ihre Predigt nun durch mitfolgende Zeichen bestätigt wird, bekräftigt, beglaubigt. Wären diese Zeichen ausgeblieben, hätte niemand 100 Jahre später davon erzählt. –Und nun geht es in einer der merk-würdigsten Geschichten der Bibel um uns: Jesus schickt seine ungläubigen Leute als Missionare in den Alltag. Die selbst nicht glauben können, sollen andere zum Glauben führen. Probiert es aus! Macht die Probe auf‘s Exempel – mit Jesus hineinwirken in die Welt! Dann werdet ihr ja sehen, ob etwas dran ist an der Lebendigkeit unseres Herrn Jesus Christus und seiner Botschaft. Die Praxis entscheidet, nicht die theoretische Überlegung, dieses Abwägen des eignen Glaubens, der eignen Fähigkeiten. Zeuge sein, das Wort weitersagen. Der uns geschenkte Glaube kommt zur Entfaltung im Zusammenleben mit denen, die unseren Glauben nicht teilen. –Die Gefährdungen des Glaubens kennen wir recht gut. Auch unser Predigttext verschweigt sie nicht: böse Geister, giftige Schlangen, Krankheiten aller Art. Möglicherweise würde unsere Aufzählung etwas anders aussehen. Etwas länger wäre sie mit Sicherheit auch. Was alles dem Glauben entgegensteht! Nein, falsch, umgekehrt: Was alles mit Jesus und seiner Botschaft überwunden werden kann – und dadurch Glauben, neuen Glauben wirkt. Die Überwindung der Not wird zum Zeichen für die Gegenwart Jesu. Hier ist von bösen Geistern die Rede. Klingt ein bisschen mystisch, aber da sind sie, die Dämonen und satanischen Mächte. Wir merken das. Wenn uns, oder die Menschen um uns, Mutlosigkeit überfällt oder Gleichgültigkeit, die kalte Wut, der Neid, die Habgier nach immer mehr.So was bei Namen nennen, aussprechen, ist der erste Schritt zur Überwindung. Ihnen im Namen Jesu entgegentreten. Der Mutlosigkeit die Hoffnung, das Gebet entgegensetzen. Der Gleichgültigkeit das Mit-leiden, der Habgier das Teilen im Namen Jesu. Böse Geister austreiben – das wirkt Glauben. Bei andern und auch bei uns. So haben`s die ersten Christen gehalten: „Dass Jesus siegt bleibt ewig ausgemacht.“  Ihr Beten in fremden Sprachen, das Beten im Geist, und ihr Teilen im Namen Jesu hatte große Ausstrahlungskraft. Und ihre Friedfertigkeit auch. Und die giftigen Schlangen? Damit sind doch keine exotischen Tiere mit Einfuhrverbot gemeint – sondern Wahrheitsverdreher, lockende Sprüche. Schon die Paradiesgeschichte am Anfang der Bibel berichtet uns von solchen Einflüsterungen: …sein wie Gott … leben wie Gott in Frankreich … sich alle Wünsche erfüllen … schuld sind die andern, die Asylanten, die AfD, die Juden. Verführungen entlarven. Jesus sagt: Probiert es! Schaden wird es euch nicht, sondern Glauben wirken, Augen und Herzen für die Wahrheit öffnen. Und mit Jesus Kranke besuchen, die Hände über unsre Kranken halten, die heilende Macht der Liebe Gottes ausrufen. Sie nicht allein den Apparaten und Präparaten überlassen. Frag doch einen Kranken, wie groß der Wert eines Besuches ist. Auch der Besucher geht verändert nach Hause: Wer die Hände über seine Kranken hält, mit dem wird`s besser werden – mit dem Kranken und mit dem an seinem Bett: weniger Angst, weniger Einsamkeit, ein Stück Geborgenheit für den Tag, Zuversicht und Liebe. Böse Geister, giftige Schlangen, Krankheiten aller Art – gewiss gibt es noch andere Gefahren. Das Neue Testament berichtet von Habgier, Geiz, Zwietracht, Unversöhnlichkeit … Aber diese Gefährdungen des Lebens sind mit Jesus keine Gefahr für den Glauben, im Gegenteil: gerade da will sich die Kraft des lebendigen Herrn erweisen. Im Überwinden der Gefährdungen liegt der Anfang neuen Glaubens. So sind die ehrlichen Berichte von Unglauben der Jesusjünger am Ende des Mkev in der Tat gerade nicht das Ende des Evangeliums: „Sie aber zogen aus und predigten an allen Orten. Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch mitfolgende Zeichen.“So endet das Mkev. Besser, es ist der Anfang der unendlichen Geschichte: „Der auferstandene Christus und seine Leute“, Gerettete mit Rettersinn. Wir sind mittendrin, in der Spannung zwischen Zweifel und Auftrag. Wir teilen die Erfahrung, dass wir in der Nachfolge Christi etwas ausrichten können: böse Geister können vertrieben werden, gegen eine vergiftete Atmosphäre können wir etwas tun. Für eine kranke Welt gibt es Hilfe. Es gibt die Wirkung des Wortes Jesu und der mitfolgenden Tat. Schauen wir nochmal vor dem Amen auf die Bewegung unseres Textes, wir können uns selber darin sehen. Zuerst spitzt es sich zu: Hoffnung wird nicht geglaubt. Wenn sich bei uns Unglauben zuspitzt, steht uns das bevor, was den Jüngern geschieht: eine Jesuserfahrung. Wenn uns Jesu Wort begegnet, gehen uns die Augen auf über die Blindheit unseres Herzens – die Dummheit, der Hoffnung nicht geglaubt zu haben. Uns wird nicht gesagt – solche träge Herzen und Glaubensblinde kann der Herr nicht gebrauchen, sondern – wir werden gesendet. Öffnung nach vorn. Jetzt. Der Sinn deiner Tage liegt in der Sendung. In Jesu Auftrag ist die Antwort auf dein „Warum“ und „Wohin“. Jetzt sagt der Auferstandene zu dir:„Geh hin in den Alltag und bringe das Evangelium allem, was lebt.“ Amen.

Anmerkungen zum Predigttext; Gedanken, warum er später angegliedert wurde

1. Allgemeines: Da der Buchdruck erst im ausgehenden Mittelalter erfunden wurde, wurden Bücher und Texte zur Weitergabe abgeschrieben. Vom Mkev wurden eine Reihe von Abschriften aus verschiedenen Zeiten gefunden. Die ältesten, ursprünglichsten wurden als apostolisch von der jungen Kirche anerkannt, manche Schriften und Texte als Legenden abgelehnt. In den ersten nachchristlichen Jahrhunderten „entstand“ ja das Neue Testament, die Theologen nennen diese Zeit Kanonbildung

2. Das Argument: die ältesten Schriftzeugen geben den Ausschlag Der Markusschluss (V. 9 – 20), unser heutiger Predigttext, ist Teil der Heiligen Schrift und von der noch jungen Kirche so bestätigt. Das bedeutet nicht notwendig, dass er auch von Markus selbst recherchiert und verfasst sein muss. Mehrere der ältesten und wichtigsten Handschriften (darunter: Codex Vaticanus, Codex Sinaiticus) lassen den heutigen Schluss ganz weg. Dort endet das Mkev Kap. 16, 8. Eine Handschrift bietet einen anderen, kürzeren Schluss. Dort heißt es nach V 8: „Alles Aufgetragne aber verkündigten sie den Männern um Petrus. Danach aber entsandte auch Jesus selbst vom Aufgang bis zum Untergang durch sie die heilige und unvergängliche Botschaft des Heils.“ Vier Handschriften bieten beide Schlüsse, den kurzen wie den langen (unser Ptext), hintereinander. Eine Handschrift schließlich, die den langen Schluss enthält, schiebt zwischen V. 14 und V. 15 folgendes Stück ein: „Und jene verteidigten sich (gegen die Scheltworte Jesu) und sagten: Dieses Zeitalter der Gesetzlosigkeit und des Unglaubens untersteht dem Satan, der nicht zulässt, dass jenes, was den unreinen Geistern untersteht, die Wahrheit und Macht Gottes begreife; offenbare darum schon jetzt deine Gerechtigkeit. So sprachen sie zu Christus, und Christus antwortete ihnen: Erfüllt ist die Grenze der Jahre der Macht Satans; aber es naht anderes Furchtbares. Und für die, welche gesündigt haben, wurde ich dem Tode übergeben, damit sie zur Wahrheit umkehren und nicht mehr sündigen, damit sie die geistige und unvergängliche Herrlichkeit der Gerechtigkeit, die im Himmel ist, erben.“ Ebenso ist die Überlieferung der Kirchenväter über diesen Abschnitt uneinheitlich.

3. Die Zeit und Art der schriftlichen Abfassung:  Die Verse 9 – 20 im 16. Kapitel des Mkev waren schon im 2. Jhd. bekannt, Tatian und Irenäus berichten davon in anderen Schriften (Kommentare/Traktate),  und fanden Eingang in die allermeisten griechischen und anderen Handschriften. Doch der Wortschatz und die literarische Form sind völlig verschieden von den Versen 1 – 8, außerdem ist zwischen V. 8 und 9 ein ganz unvermittelter Übergang; sachliche Unstimmigkeiten mit dem, was 16, 1 – 8 von derselben Maria aus Magdala berichtet wird, werden nicht ausgeglichen. Die Handschrift unseres Textes findet sich im entlegenen armenischen Kloster Edschmiadzin. Durch eine, allerdings schwach bezeugte Tradition, wird berichtet, dass ein Schüler des Jesusjünger Johannes mit Namen Ariston den Markusschluss verfasst haben soll.

(Das ist ein kleiner Einblick in die exegetische Vorbereitung einer Predigt. Wer sich für die Schriften der ersten Christen interessiert, die nicht Eingang in das Neue Testament gefunden haben und als Legenden  verworfen worden, kann diese gern bei Pfr. Nicolaus ausborgen.)

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